Ungeheure Freiheit

Project Description

BAUMEISTER
Ungeheure Freiheit

by Falk Jaeger, May 2, 2012[View PDF]

Ole Scheeren stand vor den Kameras, der CCTV Tower war sein Ding. Rem Koolhaas hatte ihm beim Bau des spektakulären Fernsehzentrums in Peking und bei dessen Repräsentation weitgehend das Feld überlassen. Die Trennung der beiden OMA Partner vor zwei Jahren ging geräuschlos über die Bühne, kaum dass sie in der Szene registriert wurde. Der Zeitpunkt erschien günstig. Scheeren hatte sich mit dem CCTV Respekt und Renommee erworben. Und er wollte in China bleiben. Warum,daserkiärt er in diesem Interview – ebenso wieseine Europapläne.

Herr Scheeren, was genau hält Sien Eigentilch in China?

„Ich sehe viele Europäer, die nicht willens sind, sich auf die andere Seite einzustellen und dort mit der Arroganz des eigenen Hintergrundes ankommen. Aber wir sind dort Gäste, und warum sollen sich die Chinesen auf uns einstellen? Deshalb habe ich vor acht Jahren die Entscheidung getroffen, dass ich dort nicht einfach meine Arbeiten abliefere, sondern dass ich mich persönlich dort engagiere und mich mit dem Kontext auseinandersetze.“

Das heiβt?

„Man muss diese Kulturen sehr gut kennen, um sich in ihnen angemessen bewegen zu können, doch es sind Wenige, die sich intensiv mit den Verhältnissen in China beschäftigen und sie differenziert betrachten. Durch die Konfrontation verlangsamt sich der Prozess der Veränderung, was schade ist, denn durch konstruktive Hilfestellung könnte man die Dinge beschleunigen.

Wenn man dort lebt, erfährt man neben dem Negativen auch sehr viele positive Dinge und ungeheure Freiheiten. Es findet auch viel Zusammenarbeit statt, die nicht so sichtbar wird. Ich sehe meine Arbeit in China nicht als Polemik. Dort zu arbeiten ist eine große Herausforderung, aber ich habe die Hoffnung, einen konstruktiven Beitrag zu liefern, der nicht alle Verhältnisse so hinnimmt, sondern auch herausfordernd ist. Was ich beitragen kann, ist ein Transfer.“

Wie kommt man als europäischer Architekt dort zurecht?

„Natürlich ist das rechtlich wie kulturell eine ganz andere Grundlage. Die Rolle des Architekten ist nicht die gleiche wie in Europa. Das muss man verstehen und versuchen, die Position des Architekten zu stärken und produktiv zu gestalten. Die einzige Möglichkeit ist, Präsenz zu zeigen, gute Verhältnisse mit seinen Bauherren aufzubauen und über dieses Vertrauensverhältnis über die Position des reinen Dienstleisters hinauszugehen.“

Die Bauten, die Sie gemacht haben, sind alle sehr signifikant. Man hat den Eindruck, es geht ihnen vordringlich darum Zeichen zu setzen, signature architecture zu liefern?

„Gegen diesen Eindruck würde ich mich gerne wehren. Unsere Gebäude sehen nicht so aus, weil sie anders aussehen sollten, das interessiert mich überhaupt nicht. Ich bin kein Dekorateur, ich sehe mich nicht als Designer. Mich interessiert die Substanz der Dinge und wie man aus der Veränderung der Substanz andere Bilder erzeugen kann. Meine Bauten sehen so aus, weil sie einen anderen strukturellen Ansatz haben. Weil sie an der Substanz etwas ändern und daraus andere Formen entstehen.“

Können Sie das konkretisieren an dem Mahanakhon Tower für Bangkok zum Beispiel, warum windet sich da so eine verpixelte Zone spiralförmig den Turm hinauf, kann man das funktional erklären?

„In Bangkok spielt Tradition eine große Rolle. Die Stadt ist laut, auf eine Art sogar brutal, aber gleichzeitig erlebt man eine freundliche Kultur. Sie ist eine Stadt der extremen Widersprüche, mit vielen expressiven Bauten. Ich habe mir gedacht, das Interessanteste wäre, einen äußerst reduzierten Turm zu bauen, das gibt es da gar nicht. Aber das grundsätzliche Problem ist, dass sich ein Turm durch seinen Maßstab der Stadt, den Menschen entzieht. Ein abstraktes Totem, das keinerlei Zeichen des Lebens trägt, das in ihm stattfindet. Mich interessierte, wie man den Maßstab des Turmes mit dem der Stadt zusammenbringen kann. Deshalb habe ich begonnen, die perfekt quadratische Form in dieser Spiralbewegung aufzulösen. Die Pixel sind Wohnräume, Balkone und Lebensräume, die von den Menschen benutzt werden. Es sind die größeren Wohneinheiten, die sich auf diese Weise öffnen. In den Tropen lebt man soviel drinnen wie draußen, also ist die Verbindung von innen und außen etwas ungeheuer Wichtiges. Bei den kleineren Wohnungen sind Balkone oder Terrassen zu teuer. Dort kann man die Glasfassaden aufschieben, sodass man den Innenraum in einen Außenraum verwandeln kann. Ebenso löst sich der Turm nach unten auf, indem er nicht mit einer harten Kante nach unten kommt, sondern sich durch die Terrassen mit einem weichen Übergang in den Stadtraum einbindet. Es gibt in diesem Sockel ein Theater der Öffentlichkeit.“

Kann man Angkasa Raya tower in Kuala Lumpur ähnlich erklären?

„Wir bauen dort neben den PetronasTowers, einem Gebäude aus dem Zeitalter der Power Ikonen. Ich möchte mich daran nicht messen. Was man immer über die Türme denken mag, man muss erkennen, dass die Türme dort ungeheuer wichtig sind und dass alle stolz darauf sind. Ich fand die Aufgabenstellung interessant, wie könnte man eine Position entwickeln, die andere Qualitäten verfolgt, aber die trotzdem respektvoll sein kann? Mich hat die malaiische Mischkultur interessiert, und ich fragte mich, können wir nicht als Bild davon ein Gebäude bauen, das auch multipel ist? Wohnen, Bürotrakt des Bauherrn, vertraglich vereinbarter Bürotrakt für den Grundstücksverkäufer, öffentliche Teile, ein Gebäude, das aus der Balance seiner Einzelteile seine Form bezieht. Ein Gebäude, das sich von allem absetzt, aber gleichzeitig sich in Beziehung setzt, weil die Maßstäbe, die Staffelungen und Höhen zur Umgebung klare Beziehungen aufnehmen. Und dann gibt es die offenen horizontalen Schichtungen, im Sockelbereich und auf halber Höhe, die die Stadt absorbieren, die Leute, die Autos, Geschäfte, Restaurants und Gärten. Wir nehmen den Straßenraum und bringen ihn in das Gebäude hinein.

Auf halber Strecke gab es Änderungen, weil der Bauherr schließlich doch das gesamte Gebäude kaufen konnte und aus dem einen Büroteil ein Hotel machen wollte. Wenn wir ein homogenes Gebäude gehabt hätten, wäre das eine riesige Krise gewesen, weil wir alles hätten umplanen müssen, aber so erwies sich die Modularität als strategische Robustheit gegenüber den ständigen Veränderungsnotwendigkeiten.“

Aber was ist daran ortsbezogen, was ist malaiisch?

„Ein Slogan des Premierministers lautet: „One Malaysia“, aber ich find das Tolle, dass es ein multiples Malaysia ist, dass Malaysia nicht nur homogen ist, dass es viele Teile gibt, wie bei dem Angkasa Raya Gebäude. Dann habe ich das mit einer grafischen Idee zum Ausdruck gebracht und dem Bauherrn gezeigt und der meinte, über so etwas reden Architekten doch normalerweise nicht, wieso interessiert Sie das, und ich sagte, weil mich die gesellschaftliche Einordnung der Dinge interessiert, weil ich glaube, dass ein Gebäude nur mit dem richtigen Verständnis dem gerecht werden kann, was es versucht zu verändern. Der Bauherr hat mich dann mit dem Premierminister zusammengebracht, der sich das Projekt erklären ließ. Der meinte, er wolle es unterstützen, und dass die Idee der multiplen Gesellschaft und der Offenheit der Stadt eine neue Ära in der Stadtarchitektur darstellen könnte. Also plötzlich ist ein ganz normales kommerzielles Projekt etwas geworden, was sowohl in den Planungsbehörden als auch in der Politik eine Rolle spielt und was es den Leuten erlaubt, etwas anders über die Dinge nachzudenken. Das ist es, was mich an diesen Projekten interessiert, wie man eine Gesellschaft engagieren kann.“

Die Wohnanlage Interlace in Singapur mit 1040 Wohneinheiten erscheint als ein Baukastenspiel mit locker geschichteten Baukörpern. Ist das nicht ein modisches Arrangement, das ebenso von MVRDV oder HdM stammen könnte?

„Der Bauherr bestellte für das acht Hektar große Grundstück 12 Wohntürme mit den maximal erlaubten 24 Geschossen. Wir sagten, das ergibt überhaupt keinen Sinn, dort in den Park ein Mini-Manhattan zu stellen. Ich habe die Türme gewissermaßen flachgelegt und hexagonal geschichtet, so dass sich Innenhöfe bilden.

Diese Innenhöfe bespielen wir dann mit Schwimmbädern, mit Grünanlagen. Man hat Durchblicke, der Wind geht durch, es ist genug Verschattung da, es entstehen dramatische Räumlichkeiten, und man hat durch die begrünten Dächer 127% Grünflächen als Mehrwert für die Bewohner ohne Minderung der Effektivität für die Projektentwickler. Es sind keine manikürten Landschaften, sondern kraftvolle Natur mit lokalen Pflanzen, die dort gut wachsen. So etwas hat es in Singapur, der Stadt der Türme mit undefinierten Zwischenräumen noch nicht gegeben. Anstelle irgendwelcher Designgimmicks, die Nachhaltigkeit vortaeuschen sollen, habe ich mit dem Bauherrn vereinbart, dass als Teil der Freizeitangebote des Projekts ein Schulungszentrum eingerichtet wird, wo die Bewohner lernen, wie man in dieser Wohnanlage umweltbewusst leben kann und wie man sich umweltgerecht verhält. Die bislang meistpublizierte Wohnanlage in Singapur hat sich sofort verkauft.“

Wie wichtig ist es in China, als Architekt bekannt zu sein?

„Das hilft schon, man ist sehr markenbewusst.“

Gibt es den Bauherren, der anruft und sagt, ich möchte einen Ole Scheeren haben?

„Das passiert, aber wenn er sonst nichts zu sagen hat, dann geht unsere Unterhaltung nicht lange. Ich habe von Anfang an den Mut gehabt, nein zu sagen. Meine Projekte sind sehr selektiert. Wie andere Kollegen hundert Projekte gleichzeitig zu realisieren, ist nicht mein Ehrgeiz. . Ich suche die fundamentale Auseinandersetzung mit den Projekten. Es geht um Prototypen, nicht nur der Architektur sondern auch der Kommunikation, des Dialogs.“

Das sind sicher Effekte, die man als Architekt hierzulande nicht mehr evozieren kann.

„Nicht so einfach, und das ist eben das Interessante an der Arbeit dort. Aber ich frage mich, vielleicht können wir einige Dinge auch wieder hier tun. Denn ich möchte im nächsten Jahr anfangen auch wieder in Europa zu arbeiten. Mich interessiert die Frage, was bedeutet das, wenn ich das, was ich in China gesehen und erlebt habe, rückprojiziere? Ich glaube, daraus könnten neue Dinge entstehen. Ich bin viel unterwegs und möchte meine Wurzeln in Europa nicht aufgeben, aber ich werde auch die andere Seite nie aufgeben.“

Wo werden Sie Ihr europäisches Büro eröffnen?

„Das wäre wahrscheinlich London, weil das der internationalste Ort ist und die Internationalität eine große Rolle spielt. Aber ich möchte Berlin als Möglichkeit nicht ausschließen.“

Von welchen Ihrer chinesischen Erfahrungen könnten Sie in Europa profitieren?

„Vielleicht ist das Wort Methodik schon zu groß; die Herangehensweise, das Etablieren einer flexibleren Kommunikationsstruktur, die offenere Analyse der Rahmenbedingungen, um darüber hinauszukommen. Mit Wagemut die defensive Position aufgeben und Raum für Neuerungen suchen.

Gleichzeitig zieht es mich zurück nach Europa, um in einem Rahmen zu arbeiten, der ausgereifter ist, technisch sehr gut entwickelt ist, wo man präziser sein kann, wo man technisch die Dinge radikal auf andere Weise vorantreiben kann.“