Der Wanderer von Peking

Project Description

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG
Der Wanderer von Peking

by Alexander Hosch, Feb 26, 2010 [View PDF]

Architekt Ole Scheeren, der die CCTV-Sendezentrale entworfen hat, tritt aus dem Schatten von Rem Koolhaas

Es passierte vor einem Jahr. Ole Scheeren war in den Straßen von Johannesburg unterwegs, als das Handy klingelte. „Einer meiner Mitarbeiter sagte, unsere Pekinger Baustelle brennt. Das war eine so abstrakte Botschaft, dass es einige Sekunden dauerte, bis ich verstand, was das heißt“. Zwölf Monate später sitzt Scheeren am Frühstückstisch eines Frankfurter Hotels. Er ist seit Stunden hellwach, weil er noch den Zeitrhythmus seiner Wahlheimat China in sich hat. Im Gespräch wirkt er jungenhaft und souverän. Dabei hat er das härteste Jahr seiner Karriere hinter sich. Was er erzählt, wird von sanfter Dramatik getragen und von einer großen Ernsthaftigkeit.

Scheeren, 39, schlank, ist nicht schüchtern. Doch wenn er über das schockierendste Erlebnis seines Berufslebens spricht, ist die Abstraktion ein guter Fluchthelfer, und er wechselt unwillkürlich zum neutralen man. „Die ersten Augenblicke erlebte man live am Telefon. Minuten später sah man das Feuer im Internet.“ Der Turmbau TVCC, ein Nebengebäude des mehrgliedrigen Komplexes, den Scheeren für das Staatsfernsehen baute, war beim chinesischen Neujahrsfest von einer Feuerwerksrakete getroffen worden. Er hatte sieben Jahre an dem Giga-Projekt geplant. TVCC war so gut wie fertig. Sein erster Bau in China. Vorbei. Es stellte sich heraus, dass die Fernsehleute selbst Schuld waren. Sie hatten illegal herumgeböllert. Immerhin blieb CCTV, der große geknickte Turm und das Wahrzeichen des Vorhabens, heil.

Anfangs hatte eine Kommunikationslawine den spektakulären Bau begleitet, nun versiegte der Informationsfluss. „Wir waren zur Verschwiegenheit verpflichtet“, erklärt Scheeren. Gerüchte schossen ins Kraut: Dass die Gebäude CCTV und TVCC unterirdisch verbunden seien, ein Gegengewicht. „Alles Unsinn“. Der große Turm ist unabhängig.“ Erst vor kurzem wurde bestätigt, dass auch der Kleinere repariert werden kann. Das wird nun passieren.

Bis zu jenem 9. Februar 2009 gab es für Scheerens Karriere nur eine Richtung: steil nach oben. Der Karlsruher hatte in den 90er Jahren in Lausanne und an der Londoner Architectural Association (AA) studiert, den Architektursuperstar Rem Koolhaas kennen gelernt und in dessen Rotterdamer Office for Metropolitan Architecture (OMA) begonnen. Er stieg rasch auf. In der New Yorker Filiale war er für das Design der Prada-Läden zuständig. 2002 wurde Scheeren Partner – und zweitwichtigster Mann. Im selben Jahr nahm OMA am Wettbewerb um die neue CCTV-Sendezentrale teil. Das Ergebnis wurde nie publik, aber OMA gewann. Ende 2002, Scheeren war erst 31, reiste er mit anderen nach China, um die Verträge auszuhandeln.

Seither ist er Deutschlands unbekannter prominenter Architekt. Denn Koolhaas gab die Verantwortung für seine größte und teuerste Baustelle an ihn ab. Scheeren hat den Entwurf gemacht. Nach Nine Eleven wandten er und Koolhaas sich von Amerika und der Idee des immer höheren Hauses ab. Den Bau des Turms, der monumental ist, aber nicht an den Wolken kratzen will, lenkt Scheeren seit 2004 von Peking aus, wie auch die Asien-Zentrale von OMA.

Er wurde so zum Gegenbild aller Großbaumeister, die durch die Welt jetten und im Vorbeiflug Gebäude abwerfen. Scheeren lacht über deutsche Kollegen, die behaupten, parallel 50 Baustellen in China schadlos von Europa aus dirigieren zu können. Kritiker warfen Koolhaas und ihm indes früh vor, man dürfe rückgratlosen Medien wie dem devoten Staatsfernsehen nicht einfach eine schicke Architektur ausliefern. OMA antwortete mit einer interessanten Strategie, die man als Nötigung zur Umarmung der Öffentlichkeit bezeichnen könnte. Die Architekten redeten den Chinesen den sogenannten „Loop“ ein – eine Besucherschleife, die einen ständigen Menschenstrom durch die Fernsehzentrale leiten will.

Ole Scheeren glaubt an die Veränderung. Vor siebzehn Jahren reiste er erstmals, mit dem Rucksack, durch China. Als er später wegen CCTV in einem Pekinger Hotel verhandelte, „war klar, dass wir wohl abgehört werden. Ich beschloss damals, diese Möglichkeit jetzt und in Zukunft zu ignorieren. Wir haben nichts zu verbergen.“

Scheeren pflegt ein anderes Bild des Landes, als es im Westen gefällt. An Peking faszinieren ihn die Monumentalität und die Widersprüche, die „Härte der Stadt“, ihre „Ignoranz“ und Rauheit. Seine erste Wohnung dort wählte er so, dass er alles zu Fuß erreicht, raschen Schritts, große Verkehrsachsen kreuzend. „Laufen verbindet mit einer Stadt“. Statt von alten Gassen, den Hutongs, schwärmt Scheeren in anti-romantischem Trotz von den sozialistischen Seventies-Wohnbauten: „Da würde ich gern wohnen.“ Er ist mit der Schauspielerin Maggie Cheung liiert, weshalb ihn in der Volksrepublik jeder kennt. Er ist ein westöstlicher Mensch geworden. Er sagt „der Westen“, nicht „wir“. Ohne Offenheit gebe es kein Begreifen von Freiheit als Möglichkeit in einer großen Ordnung. „Der Westen hat diese Offenheit nicht. Er fordert sie nur.“ Das Chaos im Kleinen gebe den Menschen Chinas auch Freiheiten. Wenn sie nicht an das Große rühren.

Es wäre andererseits naiv zu glauben, Ole Scheeren hätte nicht sorgsam Diktion und Rhetorik an das Parallel-Universum des in China Möglichen angepasst, ehe er die Aufgabe übernahm, vor Ort seinen Entwurf zu vertreten. Es bedarf dafür der hohen Kunst der Selbstverteidigung. Denn seine Baustelle ist wie geschaffen für Kontroversen, der CCTV-Turm polarisiert täglich. Und so verficht er seit 2002 die Geste des Gebäudes gegen seinen Bauherren, der von wechselnden Personen aus Stadt-, Staats-, Fernseh- und Parteiapparat vertreten wird. Und gegen Kritiker aus aller Welt, die bloß die Machtkulisse sehen. „Man wird nicht automatisch zum Komplizen, weil man in China baut“, betont er. Dialoge über China, die nur aus Anschuldigung und Rechtfertigung bestehen, lehnt Scheeren ab – als verpasste Chancen, das große Ganze in den Blick zu nehmen.

Sowieso fehlt ihm an diesem Blick die Komplexität. Scheeren liebt Komplexität, auch Kompliziertheit – sein Erbe des Dekonstruktivismus. CCTV könnte das komplexeste Hochhaus aller Zeiten sein: zwei verkippte Türme, zwei verschiedene Baufirmen und ein jahrelang anvisierter Treffpunkt in der Höhe. An jeder Stelle walten andere Kräfte. 13 Statik-Professoren prüften, ehe sich der Betonfluss von 40000 Lkw-Ladungen über den Stahlwald des Fundaments ergoss. Sieht man von der Höhe ab, ging OMA bei CCTV also keinem Superlativ aus dem Weg. Eine Simulation ergab, dass der Turm sogar ein Jahrtausend-Erdbeben aushielte. Aber der Nachbarbau hat einen einfachen Böller nicht überlebt.

„Ich habe lange darüber nachgedacht, was es bedeutet, in China zu leben“, hat Scheeren bei einer früheren Begegnung gesagt. „Diese Baustelle ist wie eine Beziehung für mich“. Wie geht es nun damit weiter? Der kleine Turm TVCC wird 2013 zum zweiten Mal stehen. Aber die Architektur des großen CCTV ist fertig. Im Lauf dieses Jahres zieht der Sender ein.

Ungeheure Ereignisse wie der Brand seien Teil der Arbeit, sagt Ole Scheeren noch. Man dürfe darüber nicht die Fassung verlieren. Oder die Konzentration. „Vernunft und Abstand sind wichtig.“ Am Ende des Interviews eilt der ausdauernde Mann, der vor fünfzehn Jahren vor der deutschen Architektur zu Rem Koolhaas geflüchtet ist, mit raumgreifenden Schritten aus dem Frühstückssaal, neuen Zielen entgegen. Seit kurzem hat er eine Gastprofessur in Hongkong. Bei Vorträgen stellt er nun immer öfter Gebäude von irritierender Eigenständigkeit vor – leider alle in Asien. Ein fragmentierter Wohnturm in Bangkok. Ein anderer in Singapur, an dem die verschobenen Trakte wie Titanen-Aufzüge kleben. Eine riesige Wohnanlage, die an ein Molekülmodell erinnert. Eine Werbeagentur in Shanghai. Sein Abdruck als Gestalter wird deutlicher. Die gemeinsame Geschichte von Rem Koolhaas und Ole Scheeren geht ihrem Ende entgegen.

Source: http://archiv.sueddeutsche.apa.at/sueddz/index.php?id=A46797929_EGTPOGWPOPPWWAGRACTCTWT