CCTV-Architekt: Neudefinition des Wolkenkratzers

Project Description

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CCTV-Architekt: Neudefinition des Wolkenkratzers

by DPA, Nov 8, 2013[View PDF]

CCTV-Architekt: Neudefinition des Wolkenkratzers

Das neue Sendezentrum des chinesischen Staatsfernsehens in Peking ist als „Bestes Hochhaus“ des Jahres geehrt worden. Der CCTV-Tower erhielt die Auszeichnung durch den Rat für Hochhäuser und urbanes Wohnen (CTBUH) in Chicago.

Der deutsche Architekt Ole Scheeren hat das ungewöhnliche und kontrovers diskutierte Gebäude mit dem Niederländer Rem Koolhaas entworfen. In einem Interview der Nachrichtenagentur dpa in Peking sagte Scheeren am Freitag, für viele sei der Bau ein solches Gebäude nicht vorstellbar gewesen.

Frage: Was bedeutet dieser Preis?
Antwort: Es ist natürlich Grund, sich zu freuen. Als leitender Architekt habe ich diesem Projekt acht sehr intensive Jahre meines Lebens gewidmet. Mit insgesamt 400 Architekten und Fachingenieuren haben wir daran gearbeitet, dieses für „unbaubar“ gehaltene Projekt Realität werden zu lassen. Es war eine gigantische Teamarbeit, über viele Jahre und über mehrere Kontinente – und in diesem Sinne ist dieser Preis natürlich eine Auszeichnung für alle Beteiligten.

Es ist auch eine wichtige Anerkennung für ein ikonographisches Wahrzeichen Pekings und Chinas, die ausgerechnet in der Stadt und dem Land vergeben wurde, das den Wolkenkratzer etwa hundert Jahre zuvor erfunden hat: Chicago und Amerika.

Frage: Hat der CCTV-Tower Geschichte geschrieben?
Antwort: Der CCTV-Tower hat die Typologie des Hochhauses nicht nur infrage gestellt, sondern eine radikale Neudefinition der grundsätzlichen Eigenschaften des Wolkenkratzers vollzogen: Es geht nicht mehr um vertikale Hierarchie und darum, am Höchsten zu bauen, sondern um die Ausformung eines „Loop“, einer im Raum gefalteten Schleife, die alle im Gebäude beherbergten Funktionen in einem kreislaufartigen System der Zusammenarbeit miteinander verbindet. CCTV ist ein Projekt der Superlative. Es ist eines der größten Gebäude der Welt und eines der komplexesten.

Auch historisch gesehen, steht dieses Gebäude an einer interessanten Stelle: Zum Beginn unserer Entwurfsarbeit, im Jahr 2002, hatte Asien Amerika und den Westen mit dem Bauboom von Hochhäusern überrundet. Eine ursprünglich amerikanische Gebäudetypologie was erstmals in größerer Stückzahl asiatische Realität geworden. Und damit stellte sich für uns die Frage, wie denn ein asiatischer Wolkenkratzer aussehen könnte, und welche neuen Qualitäten ein solches Gebäude haben sollte. Es war sozusagen eine Manifestation des Zeitalters des asiatischen Hochhauses.

Frage: Es gab in China auch Kontroversen um das Projekt. Wie stehen Sie heute rückblickend dazu?

Antwort: Dieses Projekt stellte von Anfang an viele wichtige Fragen. Für wen baut man? Wie baut man? Oder was kann Gebautes, also Architektur, tatsächlich bewegen und bedeuten? Die Radikalität des Entwurfs für CCTV rief mit großer Vehemenz ein Debatte hervor, was Architektur denn eigentlich sein könnte – und sogar sein dürfte. Es brach die bestehenden Normen auf und begeisterte viele, aber verstörte eben auch. Denn es war nicht das gewohnte Bild dessen, was man kennt. Bis heute ist es in diesem Sinne eine wichtige Rolle des Gebäudes, eben eine solche Diskussion zu schüren und zu polarisieren. Ich glaube, CCTV hat einfach klar gemacht, dass man vieles eben auch anders denken kann.

Die Kritik an dem Projekt bezog sich auch auf den Bauherren, das chinesische Staatsfernsehen. Bis heute denke ich, dass unsere Entscheidung, einen Beitrag zu der Veränderung des Landes und auch dieser Medienorganisation zu leisten, richtig und wichtig war – auch wenn der Weg einer solchen Veränderung nicht immer gradlinig verläuft.

Source: http://www.focus.de/kultur/kunst/architektur-cctv-architekt-neudefinition-des-wolkenkratzers_aid_1152747.html?drucken=1