Wolkenkratzer der Zukunft – Der Kopf Dahinter

Project Description

STERN
Wolkenkratzer der Zukunft – Der Kopf Dahinter

by Harald Braun, Jun, 2008 [View PDF]

Hochhäuser waren gestern, innovative Bauprojekte folgen anderen Prinzipien. In Peking entsteht unter Leitung eines jungen Deutschen ein Gebäude mit Symbolcharakter. Von Harald Braun

Ein Samstag in Peking, 18 Uhr, in Deutschland beste “Sportschau”-Zeit. Doch Ole Scheeren sitzt in seinem Pekinger Büro. “Eine Fünftage-Woche habe ich seit 15 Jahren nicht mehr gehabt.” Er klingt kontrolliert, nüchtern, konzentriert. Scheeren, Jahrgang 1971, formuliert druckreife, weit verästelte Sätze, manchmal hört man an seiner Sprachmelodie, dass der Sohn eines Architekten in Karlsruhe aufgewachsen ist.

Er arbeitet seit 1995 für das Office for Metropolitan Architecture (OMA) des renommierten holländischen Architekten Rem Koolhaas. Seit 2002 ist er der jüngste Partner dort. Eine Traumkarriere. Und nun leitet der Deutsche ein Projekt, das als ein neues Wahrzeichen Pekings gilt. Scheeren baut die Zentrale des chinesischen Staatsfernsehens CCTV mit einem Budget von 850 Millionen Euro. Ein “Gebäude mit Symbolcharakter”, sagt Scheeren.

In Peking hat der junge Karlsruher es daneben auch schon zum “bestaussehenden Ausländer” gebracht, wie ein chinesisches Boulevardblatt findet. Regelmäßig berichten Magazine in Peking über den smarten Deutschen, der in seinen modischen Anzügen wie das Mitglied einer britischen Avantgardekapelle wirkt. Die mediale Aufmerksamkeit hängt allerdings auch mit seinem Privatleben zusammen: Er ist seit einigen Monaten mit der chinesischen Schauspielerin Maggie Cheung (“Hero”) liiert. Der europäische Stararchitekt und die chinesische Julia Roberts – an so einer exotischen Verbindung nimmt das junge Peking regen Anteil. “Diese Form der Popularität nimmt in meinem Leben allerdings keinen wahrnehmbaren Stellenwert ein”, bemerkt Ole Scheeren knapp.

Viel lieber spricht er über die “spezifische historische Situation”, in der ein so herausragendes Projekt wie das CCTV-Gebäude in China entstehen konnte. 2002 hätte sich OMA auch um die Neugestaltung des “Ground Zero” in New York bewerben können. “Beide Wettbewerbe kamen ins Büro”, sagt Scheeren, “wir mussten uns entscheiden, welches ein hoffnungsvollerer Weg sein könnte.” Man entschied sich für China, CCTV – und die Zukunft des Wolkenkratzers, wenn man so will. “Wir hatten keine Lust darauf, das rückwärts gerichtete kommerzielle System des Hochhauses zu bedienen, wir wollten einfach keine anonymen leeren Hüllen bauen.”

Ole Scheeren kann lange über die komplexe Konzeption des CCTV-Gebäudes dozieren, das vermutlich noch vor Sommer 2009 fertiggestellt werden wird. Trotzdem lassen nur Baustellenfotos und frühe Modelle erahnen, wie außergewöhnlich die Konstruktion der beiden 234 Meter hohen, zueinander gekrümmten Stahltürme auf die Menschen in Peking wirkt. Theoretisch klingt das bei Ole Scheeren ganz harmlos: “Die Konstruktion ist wie eine Röhre, die im Raum gefaltet ist.” Praktisch aber kursierte in Europa eine Meldung, nach der in Peking eine Notruf-Hotline eingerichtet werden musste, weil besorgte Passanten bei der Polizei anriefen und ins Telefon japsten: “Die Türme kippen um!” Ole Scheeren lacht. “Diese Hotline hat es nie gegeben. Der Westen hat sich mit großem Enthusiasmus an der Gerüchteküche beteiligt. Die internationale Presse hat zwei Jahre lang insistiert, dass das Projekt ohnehin scheitern würde.” Vor Ort aber kamen die Arbeiten nie zum Stillstand. Vielmehr schwärmt Ole Scheeren von einem Enthusiasmus, der dieses Projekt von Anfang an begleitet hat und der sich bis heute in alle Bereiche der Arbeit fortsetzt – bis zur ungemein positiven Stimmung auf der Baustelle.

Am 8. Dezember des vergangenen Jahres begann man, die beiden L-förmigen Türme in einer Höhe von 162 Metern miteinander zu verbinden, ab der 36. Etage. Für Scheeren ein emotionaler Moment. Er lebt seit dreieinhalb Jahren in Peking und muss seitdem immer wieder erklären, was OMA und er da eigentlich treiben.

Für die Statik des eigenwilligen Bauwerks gab es bis vor Kurzem noch nicht einmal die erforderliche Software. Kritiker befürchten zudem, dass der Doppelturm einem möglichen Erdbeben in Peking kaum standhalte. Scheeren widerspricht. “Das Gebäude kann das stärkste Erdbeben überstehen, das nach der Wahrscheinlichkeit einmal in 2500 Jahren in Peking vorkommt – es ist vollkommen sicher.” Er ist bemüht, die fortschrittlichen Aspekte des CCTV-Konzepts zu erläutern: “Alles ist mit allem verbunden, es ist ein nichthierarchisches Prinzip.” Das ist natürlich und gerade in China auch ein politisches Statement. “Wir reden hier über ein eigenes Universum aus technischen und sozialen Einheiten, wie bei einem autarken Organismus – mit einer eigenen Klinik, Sportanlagen oder Speisesälen, die 4000 Leute gleichzeitig aufnehmen können.”

Nicht nur OMA und Ole Scheeren geben der Volksrepublik China vor den Olympischen Spielen ein neues Gesicht. Fast alle namhaften europäischen Architekten sind in China aktiv, um die historische Chance zu nutzen, Leuchtturmprojekte umzusetzen. Scheeren sagt: “Innovative Architektur ist immer eine Frage des Timings. Als wir das CCTV planten, hatte die ökonomische und psychologische Ausgangssituation in China vor der Olympiade eine katalytische Funktion.”

Die Schweizer Architekten Herzog & de Meuron beenden gerade die letzten Arbeiten am gigantischen Pekinger Olympiastadion, im Volksmund “Vogelnest” genannt. Der Franzose Paul Andreu errichtete in Peking das etwa 300 Millionen Euro teure Opern- und Theaterhaus, und Sir Norman Foster versuchte sich laut Selbstauskunft am “fortschrittlichsten Flughafengebäude der Welt”. In diesem Fall war die kreative Entwicklungshilfe China stolze 2,2 Milliarden Euro wert.

Moralische Bedenken übrigens bringen Foster, Andreu oder auch Scheeren nicht um den Schlaf. Der Vorwurf, man baue “für die Bösen”, wird gekontert mit einem Verweis auf einen ästhetischen Weltverschönerungsauftrag jenseits der Politik. Ole Scheeren sagt: “Wir haben uns erst nach sehr eingehenden Überlegungen dafür entschieden, hier zu bauen. Wir glauben an den Prozess der Veränderung in China, und wir haben vom ersten Moment an darauf geachtet, dieses Projekt gemeinsam mit den chinesischen Kollegen in Angriff zu nehmen. Hier hat sich viel verändert in den letzten Jahren – und das wird es weiter tun. Auch wenn der Weg kein einfacher sein wird.”

Source: http://www.stern.de/lifestyle/mode/architektur-trend-wolkenkratzer-der-zukunft-618668.html