Unser Mann in China

Project Description

GQ, GERMANY
Unser Mann in China

by Alexander Hosch, Jan, 2007 [View PDF]

Ole Scheeren steht in der zweiten Reihe. Noch. Der 35-jährige Deutsche plant in Peking eines der ungewöhnlichsten Hochhäuser unserer Zeit

Der größte deutsche Architekturstar muss als einfacher Angestellter im AusIand arbeiten. Das ist ein bisschen gemein, aber leider wahr. Ole Scheeren arbeitet allerdings nicht für irgendjemand. Der 35-·jährige Karlsruher entwirft für einen der meistgefeierten Architekten der Welt: Rem Koolhaas. Der Harvard-Professor und Pritzker-Preisträger, der 1975 in Rotterdam das Architekturbüro Office for Metropolitan Architecture oder kurz OMA gründete, wurde vor allem durch seine architekturtheoretischen Schriften „Delirious New York” und „S, M, L, XL“ berühmt. Mit seiner Forderung nach der verdichteten, collagenartigen Stadt, in der verschiedene Stile aufeinanderprallen, mischte er das konservative Establishment der 80er gehörig auf. Nach kleineren Städtebauprojekten der Anfangsjahre ist OMA inzwischen ein weltweiter Think Tank für moderne Architektur.

Als Koolhaas’ Partner betreut Scheeren derzeit das wichtigste Projekt des Büros. Unweit der Verbotenen Stadt wächst bis 2008 ein gigantischer Wolkenbügel in den Pekinger Himmel: die Zentrale des chinesischen Staatsfernsehens CCTV. Und erstmals steht Scheerens Name bei einem Projekt über dem seines Chefs. Weil es der erste OMA-Bau ist, der unter der neuen Vereinbarung begonnen wurde”, sagt Scheeren. Vereinbarung? Ein Architekturstar, der einen Emporkömmling neben sich duldet? „Wir vereinbarten 2002, OMA auf eine breitere Basis zu stellen. Nun werden auch andere Personen sichtbar. Rem gibt einem die Chance, zu wachsen”, lobt der Meisterschüler seinen Mentor, aus dessen Schatten er sich gerade katapultartig schießt. Zurzeit zeigt das Museum of Modern Art immerhin die größte Ausstellung, die je einem einzelnen Gebäude gewidmet wurde („OMA in Beijing: China Central Television Headquarters by Ole Scheeren and Rem Koolhaas”, noch bis 26. Februar).

Scheeren studierte in Lausanne, in Karlsruhe und wie Koolhaas an der renommierten Londoner Architectural Association School. 1995 kam er zu OMA. Internationales Aufsehen erregten seine Designs für die Flagship-Stores von Prada in Manhattan und Los Angeles. Er führte das Rotterdamer Headquarter. Nun treibt er die Dependance in Peking voran. China ist für das Büro erste Wahl, seit Koolhaas nach einigen amerikanischen Enttäuschungen ein fast zorniges „Go East!” als Marschrichtung ausgab.  Scheeren ist allerdings mehr überall als nur im Osten. Der Jetsetter trägt’s mit Fassung: „50 Prozent meiner Zeit verbringe ich in China, den Rest pendle ich zwischen Rotterdam, New York, London, Singapur und Bangkok. Mein Lebensgefühl lässt sich als ein Dazwischen formulieren.“

Dass er so gefragt ist, liegt nicht zuletzt an dem Gebäude selbst. Der Entwurf, von vielen anfänglich für unbaubar gehalten, gilt als eine der gewagtesten Planungen unserer Zeit. „Jeder kennt die Form“, klagt Scheeren inzwischen, „aber kaum jemand das Konzept.” Denn längst hat nach dem Trauma des 11. September wieder ein Wettlauf der Wolkenkratzer begonnen. Mutig, geradezu euphorisch verwirklichen Scheeren und Koolhaas ihren Beitrag zur Pekinger Skyline. Das gigantische zweibeinige Gebilde, dessen waghalsige Überhänge sich in schwindelnder Höhe wiedervereinigen, ist mit 234 Metern zwar nur halb so hoch wie zum Beispiel der Chicagoer Sears Tower (bis 1997 das höchste Gebäude der Welt), verfügt aber mit über 464000 Quadratmeter Fläche über ein Drittel mehr an Platz. Die komplexe Konstruktion beschäftigte13 Statiker. 10000 Angestellte werden hier Büros, Fernsehstudios und Restaurants bevölkern, wenn zu den Olympischen Spielen 2008 die Welt anrückt, um neben den Athleten auch Chinas bislang eher gemächlichen Abschied von den Gepflogenheiten einer Despotie zu begutachten. „Wir haben die Risiken lang diskutiert”, sagt Scheeren. „Entscheidend war, dass der Sender sich gerade mit dem radikalen Bauprojekt aus der alten Rolle befreien möchte. Die jungen Chinesen sind anders.“

Und kaum ist das mit Baukosten von rund 700 Millionen DoIlar größte und teuerste OMA-Projekt geschafft, geht es spektakulär weiter: In Shanghai plant Scheeren ein Mediengebäude, in Singapur einen Wohntower, und in Peking kommt ein XXL-Buchladen mit 100000 Quadratmetern dazu. Während wir mit ihm gerade noch in New York sprechen, lädt er schon wieder per E-Mail aus Peking zur Baustellentour. Die Dynamik seiner Karriere hat Scheeren selbst eingeholt. Einst wollte er Rockstar werden – und kam nie zum Üben. Jetzt rockt der Mann in einer ganz anderen Liga.