OMA, Arup und das CCTV

Project Description

BAUWELT
OMA, Arup und das CCTV

by Sebastian Redecke, Iss. 7, 2007 [View PDF]

Eine Form von neuer Utopie
Betrachtungen des Architekten und leitenden Projektpartners Ole Scheeren

Das Fernsehen in China ist relativ jung. Erstmals auf Sendung im Jahr 1958, zeitglich mit den Zehn Großen Projekten, die Mao Tsetung in Peking in Auftrag gab, hat sich CCTV (China Central Television) rasch entwickelt und ist heute bereits mit 16 selbstproduzierten Sendekanälen eine der größten Fernsehstationen der Welt. Die Planungen gehen aber noch viel weiter. Mit der Fertigstellung des neuen Headquarters im nächsten Jahr hat man sich zum Ziel gesetzt, mehr als 250 Kanäle auszustrahlen.

CCTV ist das Sprachrohr Chinas, das sowohl editiert – und zensiert – als auch den Informations- und Öffnungsprozess des Landes vorantreibt. Auf diesem Weg sucht es eine Balance zwischen (scheinbarer) Beibehaltung bestehender Prinzipien und radikaler Veränderung. Die nationale Fernsehstation ist Informationsfilter und Propagandamaschine und erhält zur Erfüllung dieser Rolle staatliche Mittel. Doch die Abhängigkeit trügt, denn mittlerweile bezahlt CCTV Steuern in vier- bis fünffacher Höhe der öffentlichen Subventionen für den Sender und erzielt Werbeeinnahmen, die in einem einzigen Jahr die gesamten Baukosten des Neubaus decken können. Eine neue Generation in Führungspositionen, gerade dreißig bis Anfang vierzig Jahre alt, treibt mit den Prozess der Öffnung und Modernisierung voran. Erklärtes Ziel ist es, einmal die BBC von China zu werden, und die vielen öffentlichen Teilbereiche des Gebäudeprogramms deuten auf den Weg einer Demokratisierung hin. Mit den Olympischen Spielen 2008 in Peking hat CCTV sich einen Termin gesetzt, um einen Großteil der Wandlungen zu vollziehen und um der allgemeinen Aufbruchsstimmung des Landes ein Zeichen zu setzen. Und mit Aufmerksamkeit werden wir diesen Prozess verfolgen, dessen Weg sich

Heute ein Hochhaus zu entwerfen, konfrontiert den Architekten unweigerlich mit einer Reihe von Fragen: Ist es eine Typologie, die sich unweigerlich dem Kommerz und finanziellen Kalkül verschrieben hat, um in ihm wirtschaftlich auf- und inhaltlich unterzugehen? Ist es nichts weiter als die stete und monotone Repetition eines Stückchens Boden in vertikaler Richtung, deren einziges Ziel die ökonomische Multiplikation des Grundstückwerts darstellt, und deren einzige Ausdrucksmöglichkeit auf das Streben nach Höhe und Dominanz der Skyline einer Stadt reduziert ist? Ist nichts weiter übrig geblieben als die vertikale Linie, die mit dekorativem Aufsatz in Blumenform, im Pagodenstil oder mit modernistischer Komposition nach Identität sucht?

Nach dem Versprechen überraschender Vielfältigkeit in seinen ersten Ausführungen vor einhundert Jahren wurde das Hochhaus in seiner späteren Entwicklung immer mehr entleert – und schließlich von Asien als das Symbol seiner Modernisierung gerade in dem Moment adoptiert, als er seines letzten Inhalts beraubt war. Es scheint an der Zeit, diese Typologie nicht länger als ein rein kommerzielles Exportprodukt zu behandeln, sondern dem Hochhaus eine neue Qualität abzugewinnen.

Ein Entwurf wie für CCTV wäre schlichtweg undenkbar in der ökonomischen Zwangsjacke des Westens. Nicht nur seine grundlegenden Ambitionen, sondern auch seine Nutzungen könnten dort keinen kohärenten Zusammenschluss finden. Zerlegt in seine Einzelteile und den Gesetzen des finanziell und typologisch „Angemessenen“ unterworfen, würden die Produktionsstudios des Senders in den günstigen, industriellen Teil der Stadt gesteckt, die Leitung und Verwaltung in den Hochhaus-dominierten Finanzdistrict, die Kreativen in das coole, hippe Viertel… und die Architektur würde zum „Isolator“ zwischen den einzelnen Bestandteilen. In der ohnehin immer weiter fortschreitenden Zergliederung der Gesellschaft scheint die plötzliche Möglichkeit einer Rückführung auf Konzentration, Nähe und Gemeinschaft eine bestechende Alternative.

Im Kontext einer Medienorganisation wie CCTV, deren Produktionsergebnis omnipräsent, jedoch nur virtuell ist und deren Produktionsprozess zukünftig ebenfalls virtuell sein wird (die Digitalisierung führt zu einer immer weiter fortschreitenden Atomisierung und Trennung – bis hin zur völligen Irrelevanz des tatsächlichen räumlichen Umfelds) erlangt die Architektur plötzlich eine neue Bedeutung: Die symbolische Manifestation des Orts der (Realitäts-) Produktion. Sind bisherige Fernsehstationen weltweit eher stumme Gebäude, ohne Beziehung zum Ort oder der Öffentlichkeit, wird CCTV ein Zeichen für die räumliche Präsenz medialer Information setzen.

Die Koexistenz aller am Prozess der Fernsehproduktion beteiligten Funktionen in einem einzigen Gebäude, lässt Administration und Führungsebene, Produktionsstudios und Nachrichtenabteilungen, Forschungs- und Ausbildungsstätten, Technikräume und Sendezentralen in einen ständigen Dialog treten, der alle Einzelteile nicht nur an das Vorhandensein der anderen erinnert, sondern auch direkt ihre gegenseitigen Abhängigkeiten verdeutlicht: Ein System, in dem „die Köpfe wissen, was die Hände tun“ – und umgekehrt. Es gibt wohl Hierarchien – Leitende und Ausführende –, doch ist das Gebäude nicht einfach zergliedert in unterschiedliche Bereiche, sondern als ein Kreislauf („Loop“) kommunaler Zirkulation organisiert, deren angegliederte Sozialbereichen, Kantinen, und unterschiedliche Funktionsräume, der Gebäudeform folgend, einen direkten Austausch und Kontakt zwischen den Abteilungen fördern. Die Organisation ist eher kontinuierlich als vertikal: die obersten Geschosse des Hochhauses – normalerweise für den Vorstand reserviert – stehen mit dem „Staff Forum“ dem gesamten Personal zur Verfügung.

Es sind nicht nur die 10.000 Menschen, die rund um die Uhr in diesem Gebäude arbeiten werden, die CCTV zu einem Organismus mit einer Reihe von besonderen Merkmalen werden lassen. Es sind auch die statischen, organisatorischen und vielleicht sogar formalen Prinzipien, die dem Gebäude den Charakter einer Lebensform geben, die sich in vielem von traditionellen Bauten unterscheidet. Es ist eine Form von neuer Utopie, teils gesellschaftlich, teils konstruktiv, die die Grundstruktur dieses Gebäudes bildet.

Christian Brensing

Die Internetseiten der China Central Television (cctv.com) sprechen die Sprache der medientechnischen Superlative. CCTV strebt an, weltweit in die direkte Konkurrenz zu CNN, NBC und BBC zu treten. Entsprechend ambitiös ist das Bauvorhaben für die neue Hauptverwaltung, die zurzeit in Pekings Central Business District, neben rund 300 weiteren in Bau befindlichen oder geplanten Hochhäusern, in rasanter Geschwindigkeit an Form gewinnt. Genau genommen sind drei eigenständige Bauten im Werden: erstens der Hauptbau CCTV –450.000 Quadratmeter Nutzfläche – mit den technischen Bereichen für Studios, Technik und Verwaltung, zweitens das TVCC – 115.000 Quadratmeter – für die Öffentlichkeit einschließlich einem 280-Betten-Hotel und einem Kulturzentrum inklusive eines 1500 Sitzplätze fassenden Theatersund drittens ein Service-Center für 200 Mitarbeiter, das beide Hochhäuser mit Energie versorgt und alle Sicherheitsbelange regelt. Insgesamt 575.000 Quadratmeter BGF auf einem knapp 20 Hektar großen Grundstück.

Von Anfang an, seitdem das Office for Metropolitan Architecture (OMA) den internationalen Architekturwettbewerb im Sommer 2002 gewann, steht das Projekt unter einem gewaltigen Zeitdruck, da man noch rechtzeitig zu dem Olympischen Sommerspielen 2008 die neue Hauptverwaltung in Betrieb nehmen will. Aber nichts gilt als unmöglich im China der ökonomisch und kulturellen Revolution. Daraus ergab sich laut Ole Scheeren, dem aus Karlsruhe stammenden OMA-Partner und für das CCTV verantwortlichen Architekten, für die Planung und Ausführung eine weltweit einmalige Konstellation, die das Projekt beflügelt. Diese Atmosphäre von Dynamik und Wagnis inspirierte auch den Bauherrn den Mut und die Vision aufzubringen für diesen einzigartigen Hochhausentwurf. Wo, wenn nicht in China, kann das Architekturbüro von Rem Koolhaas seine architektonisch-städtebauliche Ideen in dieser Dimension und in dieser Schnelligkeit verwirklichen?

Nicht nur „high“, sondern vor allem „big“ sollte die neue Hauptverwaltung von dem zukünftig wohl einflussreichsten Fernsehsender der Welt werden. Konventionelle Ansätze, die auf einen neuen internationalen Höhenrekord hinausliefen, wurden von Koolhaas und Scheeren schnell verworfen. Beide erkannten die historisch einmalige Situation, die sich bot. Größe hat seit Jahren einen besonderen Stellenwert in der Architektur von OMA. Im Falle des CCTV gesellt sich zu der architektonischen Größe eine konstruktiv-ingenieurtechnische Herausforderung hinzu, die es in dieser Dimension bisher nicht gab. CCTV stellt einen Maßstabssprung dar. Es wird eines der größten Gebäude der Welt sein, das je gebaut wurde. Insbesondere dem tragwerksplanerischen Gerüst fällt bei dieser Größenordnung und seinen rund 25 Prozent Anteil an den Baukosten eine außergewöhnliche, wenn nicht entscheidende Rolle zu. Ole Scheeren nennt das Rollenspiel zwischen OMA und Arup als „Hybrid von Architektur und Statik“. Der Affinität der Architekturfirma und Fachplanungsfirma liegt die persönliche Freundschaft von Rem Koolhaas und Cecil Balmond zu Grunde (Seite xx). Die gegenseitige Wertschätzung hat sich inzwischen auch auf viele Mitarbeiter übertragen, so auch auf Ole Scheeren und Rory McGowan, den Arup-Projektdirektor für CCTV. Architekt wie Ingenieur sprechen im Fall der Hauptverwaltung des Staatsfernsehens von einer bisher einmaligen Symbiose. Die Art der Zusammenarbeit wurde über die über Jahre an Wettbewerben und Projekten geschärft und entwickelt. So gibt es auch für das CCTV Präzedenzfälle, wo entscheidende Ideen und Systeme schon einmal bearbeitet wurden. Das von OMA entworfene Headquarter für Universal Studios in Los Angeles (1996-98) ist so ein Fall, wo in der Konzeption und der Umsetzung des inhaltlichen Programms das Thema „Bigness“ mit hohen seismischen Anforderungen gepaart wurden. Die formale Neuheit in Verbindung mit einem komplexen Nutzungsprogramm wurde ebenso schon einmal beim TOGOK-Wettbewerb für die Samsung-Hauptverwaltung in Seoul vor elf Jahren erkundet. Aus ingenieurtechnischer Sicht jedoch ist der gewonnene Wettbewerb für die Erweiterung des Whitney Museums in New York in Jahr 2000 ausschlaggebend. Hier setzte Arup erstmalig die Konzeption einer in sich tragenden Schale als außenliegendes Tragwerk ein, welches eine Röhre formt, um Lastabtragung über unterschiedlich dimensionierte Träger zu ermöglichen. Das verschieden ausgelegte Tragwerk und den wechselhaften Fluß der Kräfte erkennt man in den Fassaden anhand der unterschiedlich großen trapezförmigen Fenster.

Frei und endlos zirkulieren

Beim CCTV-Projekt waren die komplexen räumlichen Anforderungen des Bauherrn wesentlich und identitätsstiftend. In ungewöhnlicher Manier konzentriert das Gebäude alle maßgeblichen Produktionselemente von der Redaktion bis zum Studio und der Verwaltung in einer einzigen räumlichen Sequenz. Diese Vernetzung der unterschiedlichsten Abläufe und Anforderungen soll garantieren, dass „Neuigkeiten frei und endlos zirkulieren können“. Die tragwerksplanerische Konsequenz daraus ist der expressive Ausdruck der Kräfte anhand der verschieden stark dimensionierten Stützen und Träger im sichtbaren Bereich der Außenfassade. Das stark akzentuierte Stahlskelett verwebt sich zu einer komplexen Membran, dessen tragende Bedeutung nicht mehr innen an den Kernen, sondern sichtbar im Außenbereich der Konstruktion liegt.

Statt einen kolossalen Wolkenkratzer zu entwerfen oder aber mehrere unterirdisch verbundene Türme auf dem Grundstück zu verteilen, überwog bei Architekten und Ingenieuren die Verlockung, eine markante Großskulptur zu entwerfen, die sozusagen alles vereint. Das Bauwerk wurde zu einer Ikone visionärer Baukunst stilisiert und besteht aus zwei um sechs Grad zueinander geneigten Türmen  mit einer Grundfläche von 2.000 und 2.400 Quadratmetern, die aus einer L-förmigen Basis (10.000 Quadratmeter) erwachsen. Zudem werden beide Türme ab dem jeweils 36. Obergeschoss auf neun bis dreizehn weiteren Geschossen mit einem rechtwinkligen Gebäudeteil, „Überhang“ genannt, verbunden. Diese Neuinterpretation von El Lissitzkys Wolkenbügels übertrifft in seiner geometrischen Form alles bisher da gewesene. Cecil Balmonds frühe Skizzen verdeutlichen die Ausbildung der geometrischen Prägnanz dieses räumlich ausgebildeten Hexagons – eine der äußeren Kontur nach Aneinanderreihung von rechtwinkligen Elementen. Es entstand sozusagen ein räumliches Mäander, das in seiner Form durch die geneigten Konturen von Türmen und Brücke an Dynamik gewinnt.

Auf Grund der außergewöhnlichen Dimensionen, die Gebäudehöhe von immerhin 234 Meter und die Auskragung des Überhangs in den obersten Geschossen von 70 Metern, bezogen die Ingenieure von Anfang an die Fassade mit in ihr statisches Konzept ein. Das Prinzip der Schale ermöglicht in idealer Weise, die Großform in allen Ecken und Kanten auszusteifen. Es ist ein System, das auch in extremen Lastfällen – vor allem Erdbeben – über die nötigen Reserven verfügt. Auch unter dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit ist das CCTV-Gebäude hinsichtlich seiner Stahltonnage durchaus günstiger als ein vergleichbarer Super-Tower.

Das daneben stehende TVCC-Gebäude ist hingegen als ein reiner Stahlbetonbau ausgebildet. Es stellt für OMA bewusst einen Gegensatz zum CCTV dar und wird als „weaker building“ deklariert, da das Erscheinungsbild des CCTV dermaßen dominant und überwältigend ist. Dieser „shapeless tower“ bildet die formelle Ergänzung mit seiner offenen Struktur, die die landschaftliche Gestaltung der Umgebung mit in das Erdgeschoss hineinziehen soll.

Die Statik des CCTV beruht unter anderem auf einem Netz aus diagonalen Stahlträgern, die alle Bereiche der Fassade durchzieht. Aber es ist kein uniformes System, sondern ein willkürlich erscheinendes, was die gesamte Fläche in Hoch- und Niedrigdruckfelder auf- und unterteilt. Dort wo eine besondere Beanspruchung erforderlich ist, wurde eine Verdopplung der Träger vorgenommen, genauso wie anderorts nur eine Halbierung oder gar Viertelung ausreichend war. Wesentlich ist, dass die Primärstruktur eine geschlossene Einheit bildet. Das so entstandene Muster beruht auf den eigentlichen Anforderungen der Form, erscheint jedoch auf den ersten Blick eher auf einer wahllosen Ordnung zu beruhen. Die Unregelmäßigkeit des Rasters bezeugt die Einzigartigkeit des Unterfangens. Im Zuge der Großbauten für die Olympischen Spiele 2008 wurden zwei Bauten prämiert, die scheinbar ähnlich willkürliche Fassaden oder Strukturen aufweisen: Das Olympiastadion von Herzog deMeuron und der sogenannte „Water Cube“ von PTW Architects aus Australien – beide Bauten werden ebenfalls in Zusammenarbeit mit Arup zur Zeit in rasantem Tempo realisiert.

Der Pekinger CCTV-„Tube“ bricht in mehrfacher Hinsicht mit den Konventionen des Hochhausbaus. Rory McGowan erinnert sich, dass nach dem gewonnenen Wettbewerb im Angesicht der enormen Herausforderung sein erstes Gefühl aus 50 Prozent überbordender Freude und Stolz aber auch 50 Prozent absolutem Horror bestand. In Spitzenzeiten waren allein 111 Ingenieure vom Tragwerk über die Technische Gebäudeausrüstung bis hin zu Fragen des Brandschutzes und der Sicherheit mit dem CCTV-Projekt völlig ausgelastet. Die Arbeit begann bei OMA in Rotterdam im Januar 2003 mit 60 Architekten, insgesamt waren in der Hochphase 400 Architekten und Ingenieure mit der Gesamtplanung befasst.

Butterfly-Plates

Betrachtet man neben der äußeren Komplexität, die aus der eigenwilligen Form und der Fassade aber auch aus den inneren Strukturen resultiert, so ist die immer wieder genannte Einzigartigkeit des Gebäudes mehr als gerechtfertigt. Begründet wird diese Besonderheit aber nicht nur durch die Geometrie sondern durch die Anforderungen eines Fernsehsenders. So entschied man sich gleich zu Beginn für vertikale Aufzugs- und Erschließungsschächte, obwohl das in beiden Türmen auf Grund der 6-Grad-Neigung in jedem Geschoss einen veränderten Grundriss bedingte. Trotz des erhöhten Planungsaufwands ist diese Lösung eine für den Bauherrn bessere, da von Abteilung zu Abteilung sehr unterschiedliche Raumanforderungen bestehen und somit jedes Geschoss anders ausgelegt werden musste. Obwohl die Geschosse durch den Neigungswinkel versetzt sind, wurden die Kerne so angeordnet, dass sie allesamt innerhalb des Gebäudeumfangs liegen. Zur zusätzlichen Aussteifung über Fassade und Kerne hinaus sind auf jeder Ebene weitere vertikale Stützen eingezogen. In den geneigten Türmen sind jedoch keine durchlaufenden Stützen möglich. Diese Tatsache erforderte ein besonderes Zwischengeschoss über zwei volle Geschosse auf ungefähr der mittleren Höhe der Türme, wo die Lasten umgeleitet werden. Ein gleich geartetes „Transfer-Deck“ befindet sich auf den unteren zwei Geschossen des Überhangs. Man kann daher sagen, dass sich hinter der nach Außen gerichteten unregelmäßigen, aber durchlaufenden Struktur der Schale eine konventionelle Aussteifung nach Innen befindet mit einer regulären Anordnung der Stahlstruktur, mit diagonalen Verstrebungen und mit Stahlbetonstützen. Allerdings wurden, je nach den sich ändernden Lastanforderungen, überflüssige Aussteifungen entfernt oder andere besonders verstärkt. Von Interesse sind dabei die gesondert in den Knotenpunkten angebrachten „Butterfly-Plates“ (Seite 32). Mit diesem Detail gelingt es, elegant und für die Herstellung einfache Weise die Kräfte durchzuleiten.

Zehntausend Menschen werden einmal im CCTV-Gebäude arbeiten, weitere Eintausend werden als Gäste und Besucher die Studios täglich aufsuchen. Laut OMA widersetzte man sich erfolgreich der ursprünglich vorgesehenen Abschottung der Abteilungen zugunsten eines untereinander zirkulierenden Systems in der unendlichen Schleife des Gebäudes. Besonders für die Technische Gebäudeausrüstung bedeutet dies eine Vielzahl von höchst unterschiedlichen Anforderungen, denn es wird in den Abteilungen ein mitunter komplett anderes Raumklima herrschen. Allein die 32 Fernsehstudios variieren der Größe nach zwischen 100 und 2.000 Quadratmetern. Der Bauherr entschied sich für eine Variables Volumen Strom System (VVS) mit Lüftungsanlage. Neun über das ganze Gebäude verteilte Haustechnikzentralen bedienen jeweils 10 bis maximal 20 Geschosse. Bei der technischen Gebäudeausrüstung kam noch eine weitere Erschwernis hinzu. Während der Planung brach 2003 die SARS-Epidemie aus. Dementsprechend sensibilisiert war der Bauherr für Belange der Infektionsgefahr über die Belüftung. So wurde die Lufterwärmung und Befeuchtung entsprechend ausgelegt, dass bei einer solchen Epidemie die Anlagen sofort auf direkte Luftversorgung über die Außenluft ohne Umluftanteil schalten – zumindest in Bezug auf einige der ständig genutzten Studios.

Auch in anderen haustechnischen Belangen wartet das CCTV mit Superlativen auf: 76 Aufzüge, drei Kaltwasser-Systeme (Trinkwasser, Grauwasser, Kühlwasser), aktive Kühlbalken, da die Lasten zu hoch sind für Kühldecken, die lokal mit Umluft versorgt werden, Eisspeicher für die Pufferung der Kältmaschinen-Spitzenlast (64 MW, sechs Großkältemaschinen mit je 10 MW Leistung und eine elektrische Anschlußleistung von insgesamt 63 MVA). Ein Vergleich mit dem „alten Europa“, z.B. mit dem Neubau für die Europäische Zentralbank in Frankfurt, macht den gewaltigen Energieverbrauch deutlich. Dort ist eine Leistung von nur 10 MVA vorgesehen.

Source: http://www.bauwelt.de/cms/hefte.xml?y=2007/