Mechanismen der Veränderung

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Mechanismen der Veränderung

by Ralf f. Broekman und Olaf Winkler, Mar, 2008 [View PDF]

Ole, Du bist für das Pekinger Büro von OMA verantwortlich, das sofort mit seiner Gründung durch das CCTV-Projekt, die neuen Headquarters des Chinesischen Staatsfernsehens, in den Blick der Öffentlichkeit gerückt ist. Wie kam es dazu, dass Du Dich entschieden hast, nach China zu gehen?

Ich bin in einem Moment nach China gegangen, als sich im Büro eine besondere Situation ergab. Das CCTV-Projekt nahm zu diesem Zeitpunkt in der Tat eine dominante Position ein, zum einen aufgrund seiner reinen Größenordnung, zum anderen, weil nach 9/11 viele Projekte erst einmal zurückgestellt wurden. Daher habe ich mich sehr intensiv auf CCTV konzentriert. Ich arbeite mittlerweile seit sechs Jahren, seit Beginn des Wettbewerbs, daran. Als dann klar war, dass es zur Realisierung kommt, habe ich mich entschieden, es in China weiter zu begleiten – mit der klaren Sicht, dass ein solches Projekt nicht nur eine ungeheure Möglichkeit, sondern auch eine große Verantwortung bedeutet, die man dann auch übernehmen sollte. Es ging auch darum, dem Projekt über persönliche Präsenz Sicherheit zu geben. Die Zusammenarbeit mit den Bauherren und Partnern in China sieht ganz anders aus, wenn man dort arbeitet und konkret an allem teilnimmt. Für mich war damit zugleich die Vorstellung verbunden, in China über das Projekt hinaus einen Kontext der Arbeit und auch ein Leben aufzubauen. Mein Interesse an China liegt aber schon viel weiter zurück – ich bin 1992 für drei Monate durchs das Land gereist, und das war irgendwie der Anfang einer längeren Beziehung…

Seit 2002 bist Du auch Partner im Büro OMA. Hat das CCTV-Projekt diese Partneroption katalysiert?

Das Projekt war das erste im Büro, das unter der neuen Partnerschaftsregelung und mit einer klaren Ko-Autorenschaft begonnen wurde. Es war der Zeitpunkt, zu dem sich unsere lange Zusammenarbeit explizierter formalisierte, aber auch die Realisierung, dass ein solches Projekt nicht mit den vorherigen Bürostrukturen handhabbar sein würde. In diesem Sinne hat das Projekt strukturell eine wichtige Rolle gespielt.

Ihr seid sechs Partner. Sind alle diese Partner auch geschäftsführende Gesellschafter, oder wie sieht dieses Modell aus?

Fünf Partner sind Architekten – und der sechste ist kein Architekt, sondern Geschäftsmann. Wir sind zwar alle an der Geschäftsführung beteiligt, haben aber jetzt eine klarere Organisationsstruktur und größere Übersicht. Seit OMA mehr im Sinne eines Unternehmens geleitet wird, hat sich in dieser Hinsicht einiges verändert, denn das war ein Aspekt, der zuvor einen relativ unterentwickelten Stellenwert hatte. Solange das Büro als eine reine Ideenmaschine funktionierte, war das kein Problem, aber zwischen theoretischem Denken und praktischer Umsetzung besteht natürlich ein großer Unterschied. Wenn man etwas in die Realität umsetzen möchte, ändert sich die Verantwortung und auch der Finanzrahmen, und man muss die Dinge anders organisieren. Dieser Prozess begann mit einer Reihe von Bauaufgaben, die plötzlich zur Realisierung anstanden, angefangen mit Prada, über die Niederländische Botschaft in Berlin, Seattle, Porto. Dazu kam dann CCTV, das im Hinblick auf Maßstab und Verantwortungsrahmen noch einmal eine ganz andere Situation darstellte.

In der Tat ist OMA in der Vergangenheit stark als Think Tank wahrgenommen worden. Wie würdest Du heute die Identität und die Haltung des Büros definieren?

Auf der einen Seite hat sich sehr viel verändert, auf der anderen Seite aber auch nicht. Unsere Obsession mit Ideen ist ungebrochen; da liegt noch immer eine ganz eindeutige Priorität. Mein persönliches Interesse ist auch, nur eine beschränkte Auswahl relevanter Projekte zu machen, sie ernst zu nehmen und so weit zu pushen, wie es geht – das heißt, nicht so viel wie möglich, sondern so fokussiert wie möglich zu arbeiten. Wenn es uns hauptsächlich ums Geldmachen ginge, könnten wir viel mehr Projekte bearbeiten, auf ganz einfache Weise, besonders hier in Asien. Während die Ideenproduktion die Basis unserer Arbeit ist, ist die Verknüpfung von Idee und Realität aber am interessantesten. Es ist relativ einfach, Ideen zu haben und diese als reine Polemik zu belassen, und es ist auch relativ einfach, irgendwas zu realisieren, das nicht viel mit einer Idee zu tun hat. Aber es ist viel komplizierter, beides miteinander zu verbinden – und auch viel bedeutungsvoller. Ich glaube, dieses Interesse gilt für das Büro als Gesamtheit.

Du hast eben angeführt, in Abgrenzung zu einer strikt kommerziellen Ebene selektiv mit der eigenen Produktion umzugehen. Liegt dem eine weitergehende persönliche, gegebenenfalls auch politische Haltung zugrunde?

Es steckt natürlich eine tiefe Ernsthaftigkeit darin, und auch ein Gefühl einer Verantwortlichkeit – demgegenüber, was man tut, und dem gesellschaftlichen Kontext gegenüber, zu dem man per Definition in einem Verhältnis steht und den man mit seiner Arbeit im besten Falle positiv beeinflusst. In diesem Sinne bleibt Architektur eine Disziplin mit einer öffentlichen Komponente. Das darf man nicht übersehen, es wird aber vielleicht nicht unbedingt immer ernst genug genommen.

Man könnte sicherlich noch einen Schritt weitergehen: Architektur arbeitet, insbesondere wenn sie sich in irgendeiner Weise ikonografisch verhalten möchte, stark an Gesellschaft mit und steht immer auch im dialektischen Spannungsverhältnis von Wandel und Stabilisierung. Wenn man sich mit in China tätigen Architekten unterhält, spielen entsprechend immer zwei Aspekte eine Rolle: einerseits den Wandel der dortigen Gesellschaft positiv begleiten zu wollen, sich andererseits aber natürlich im Rahmen einer Diktatur zu bewegen. Du hast von Ernsthaftigkeit gesprochen; wie ist Deine Einschätzung dazu?

Ich habe von Ernsthaftigkeit gesprochen, ich würde mich aber eher zögerlich äußern gegenüber einer Perzeption, die Architektur als rein ikonografischen Beitrag sieht. Denn ich glaube, dass genau darin eigentlich die Gefahr des weniger Ernsthaften liegt. Wenn es nur um die Produktion von Bildern oder Symbolen geht, nähert es sich letztlich einer Form der Inhaltslosigkeit. Was mich, auch im Zusammenhang mit Ernsthaftigkeit, interessiert, ist aber der Inhalt und die Frage, wie er sich als eine gesellschaftliche Komponente äußert. Mich interessiert das Gebilde der Architektur hauptsächlich in Relation zu dieser Frage und nicht im Hinblick auf eine reine Bildhaftigkeit, über die es aber mehr und mehr beschrieben wird. Die Architektur befindet sich ja zunehmend in der Situation, dass sie Bilder produzieren muss. Das ist die Erwartung der Bauherren, aber auch der Öffentlichkeit geworden; darin liegt das eigentlich Problematische: dass in dem gewünscht bildhaften Produkt durchaus auch ein Mangel an den Inhalten liegt, die genau sie selbst – die Öffentlichkeit – betreffen. Unser CCTV-Projekt würde ich in genau diesem Spannungsverhältnis positionieren. Und was an diesem Projekt vielleicht wichtig ist, ist, dass es in expliziter Art und Weise diese zwei Bereiche miteinander verbindet. Es gibt eine bewusste Arbeit am Inhaltlichen, an dem Gedanken, wie ein Gebäude als eine Organisationsstruktur Prozesse der Inhabitation, der Kollaboration, der Erfahrung und der Benutzung des Raumes durch die Menschen beeinflussen kann. Und gleichzeitig geht es um die Frage, wie das Gebäude auf einer bildhaften Ebene operieren kann, die sich zwischen dem kraftvoll Einfachen und dem komplex Instabilen bewegt – was dann wiederum auch auf die inneren Prozesse einen Einfluss hat.

Diese Reflektion über das Verhältnis zwischen Inhalten und dem Bildhaften ist hochspannend. Tatsache ist allerdings, dass auch OMA in den Medien zunehmend über sehr bildhafte Projekte wahrgenommen wird. Die Frage ist, inwieweit sich in dieser Wahrnehmung die Integration komplexer Inhalte noch transportieren lässt.

Ich sehe auch eine relativ große Gefahr in dem, was passiert, und auch darin, wie sich unsere Arbeit in der Darstellung nach außen mit genau diesem Fokus entwickelt. Es wäre vielleicht auch eine interessantere – wenn überhaupt mögliche – Position, sich dem zu entziehen, um nicht von den komplexen Zusammenhängen, die entworfen sind oder jetzt im Prozess der Realisierung hervortreten, abzulenken. Natürlich gibt es dieses extrem starke Bild, das sich auf der einen Seite verselbständigt. Auf der anderen Seite habe ich aber versucht, im Zusammenhang mit CCTV über die Jahre auch an einer Kommunikations- oder Informationsstrategie zu arbeiten, um relativ früh zu diesem Projekt einen inhaltlichen Zugang zu ermöglichen und besonders die Ambitionen jenseits des Formalen zu manifestieren. Dazu zählen Publikationen wie das Special Issue von A+U, Vortragsreihen oder die Ausstellungen mit dem MoMA, in denen ich ganz bewusst eine Dekonstruktion der äußeren Form vorgenommen habe, um die Inhalte so stark wie möglich sichtbar zu machen.

Du hast gerade einen der Schlüsselbegriffe benannt. Wie wichtig ist für Dich das Thema Komplexität?

Es ist etwas, was mich seit langem begleitet hat, was ich seit langem verfolgt habe. Ich denke, Komplexität ist etwas, worüber man sich nicht sofort im Klaren ist. Es ist vielleicht eher eine intuitive Tendenz, die du spürst, bis dir wirklich klar wird, dass du einen Hang dazu hast, Dinge in sehr viel komplexeren Zusammenhängen zu sehen und auch in deiner Arbeit komplexere Zusammenhänge zu suchen. Mich interessiert sowohl der intellektuelle als auch der subversive Charakter von Komplexität. Sie hat ein ungeheuer großes Potential, weil sie dich zwingt, nicht nur Dinge zu definieren, sondern gleichzeitig auch offen zu lassen und eher auf einem wiederum intuitiven Feld zu agieren. Du musst in eine ganz andere Methodik der Arbeit eintauchen, um damit umzugehen.

Wie wichtig ist Dir das Thema Komplexität bei der Formfindung?

Mich interessiert Form nicht als direkte Repräsentation eines abstrakt-philisophischen Gedankens oder Konzepts. Es gab ja eine Zeit, in der sich Komplexität sehr formal in der Architektur ausgedrückt hat, über Gebilde, die zwar Komplexität repräsentierten, aber nicht unbedingt beinhalteten. Viele der Räume waren letztlich banal in ihrem eigentlichen Gehalt, obwohl sie sich im Bilde eines komplexen Gerüsts präsentiert haben. Mich interessiert ein Raum oder auch eine Form, die komplexe Inhalte ermöglicht und dadurch eine bestimmte Offenheit produzieren kann.

Das China-Engagement von OMA und Deine Rolle als Frontfigur dabei ist eine relativ außergewöhnliche Situation. Wie gehst Du – im Hinblick auf Deine Position im Büro, aber auch auf Deine Selbstwahrnehmung und Selbstdarstellung gegenüber einem Außen – mit dieser Situation um?

Vielleicht ist das ein Aspekt, der sich ganz natürlich ergibt in einem Zusammenhang, in dem du beginnst, wirklich Verantwortung zu übernehmen – auf eine sehr explizite und auch persönliche Art und Weise, indem du zum Beispiel dein Leben entsprechenden Prozessen der Veränderung unterwirfst, um dich diesen Dingen stellen zu können – wie etwa nach China zu gehen, um ein solches Projekt tatsächlich in die Realität des Bauens, aber auch in eine kulturelle und inhaltliche Realität zu führen. Verantwortung bedeutet auch, für etwas einzustehen, nicht nur in einem technischen oder organisatorischen Kontext, sondern auch in einem inhaltlichen. Damit begibst du dich in die Situation, deine Arbeit wirklich auf eine Positionierung hin zu beziehen, zu argumentieren und darzustellen. Ich glaube, die anderen Dinge haben dann automatisch etwas damit zu tun.

Nimmst Du durch diesen Prozess Veränderungen an Dir selbst wahr? Hast Du das Gefühl, Dich in Deinen Charaktereigenschaften zu verändern oder auszudifferenzieren?

Ich glaube, was in einem solchen Prozess notwendigerweise stattfindet, ist, dass du bestimmte Entscheidungen treffen musst bezüglich Dingen, die du willst und die du nicht willst. Das heißt auch, dass du dir in deiner Arbeit sehr klar darüber sein musst, was dir wirklich wichtig ist und in welche Zusammenhänge du dich nicht begeben möchtest. Damit ist vielleicht eine sehr viel fokussiertere und auch sehr viel selbstkritischere Position notwendig, die sich natürlich auch in einer entsprechenden Verantwortung, so wie ich das beschrieben habe, manifestiert.

Gibt es im Hinblick auf Deine Auswahlkriterien, an welchen Stellen und mit welchen Bauherren Du arbeiten möchtest, Haltungs- bzw. Konsistenzüberprüfungen? Fällt es Dir leichter, mit Bauherren zu arbeiten, mit denen Du in Bezug auf Haltung größere Schnittmengen feststellen kannst?

Die Wahl eines Bauherrn ist ein sehr wichtiger Bestandteil der Arbeit, weil sich die Arbeit immer in einer Form des Dialogs zwischen Bauherrn und Architekten entwickelt. Es ist ungeheuer interessant, mit sehr unterschiedlichen Bauherren zu kommunizieren, genauso wie an unterschiedlichen Thematiken zu arbeiten. Nur weil wir eine Fernsehstation gemacht haben, machen wir deshalb nicht noch fünf weitere. Stattdessen gibt es ein ganz kleines Projekt in Shanghai, und ich habe auch mit dem Thema des Wohnungsbaus begonnen, womit sich unser Büro in der Vergangenheit relativ wenig auseinandergesetzt hat. Dabei arbeiten wir in Singapur gleichzeitig im Bereich des Super High End wie des Low End, gleichzeitig am Scotts Tower wie an einem kommunalen Feld mit über tausend Wohneinheiten. Dieses Ausloten der Extreme hat natürlich auch mit unterschiedlichen Bauherren zu tun. Es ist etwas komplett anderes, für das chinesische Staatsfernsehen zu arbeiten als für einen in Singapur ansässigen Developer. Mich interessiert auch zu sehen, auf welchen unterschiedlichen Ebenen Dinge funktionieren und wie man vielleicht etwas von der einen Ebene auf die andere projizieren und so bestimmte Mechanismen der Veränderung entwickeln kann. Das führt vielleicht zur Vernetzung der Dinge und auch wieder zum Thema der Komplexität zurück.

Das betrifft allerdings erst einmal unterschiedliche Erfahrungshorizonte, aber noch nicht die Frage von möglichen Übereinstimmungen in der grundsätzlichen Haltung.

Eine Grundlage muss natürlich da sein, du musst eine grundsätzliche Schnittmenge mit deinem Gegenüber finden. Sonst wären wir wieder bei dem Modell, alles zu tun, so lange es Geld bringt, aber da stehen wir natürlich nicht. Es gibt eine sehr spezifische Auswahl der Projekte und damit auch der Bauherren in einem Kontext, in dem du dir ganz explizit die Frage stellst: Was ist das Potential dieses Projektes, was kannst du damit bewegen? Was kann es beitragen zu einer konkreten, spezifischen Situation, oder allgemeiner zur Architektur usw.? Ein Projekt existiert nur in einer positiven Entscheidung dieser Frage.

Die Erwartung aus europäischer Perspektive wäre vielleicht, dass es in Asien schwieriger ist, diese Grundlage oder Schnittmenge in den Haltungen zu finden. Empfindest Du das so?

Auf der einen Seite ist es immer schwieriger, Unterschiedliches zu vereinen, und natürlich ist der gesamtkulturelle Zusammenhang in Asien ein anderer als in Europa, sowohl spezifisch in der Jetztzeit als auch in der Vergangenheit. Aber diese Unterschiedlichkeit ist vielleicht auch genau das, was das enorme Potential dieser Situation ausmacht. Die asiatische Kultur hat eine sehr spezifische Komplexität, etwas, dem ich mich verbunden fühle und was mich sehr interessiert. Aber es ist natürlich schon richtig, dass es erst einmal einfacher ist, mit jemandem zu arbeiten, mit dem man auf der gleichen Wellenlänge ist.

War das im Falle von Prada zum Beispiel gegeben, wo man es eher erwarten würde?

Ja, das war schon sehr stark so, und vielleicht auch, jenseits der eigentlichen Ergebnisse, das Aufregendste an den Projekten. Mit jemandem zu arbeiten, mit dem es auf eine solche Art Übereinstimmungen gibt, ist etwas relativ Besonderes. Gleichzeitig ist es für mich aber auch ein hoch interessanter Prozess, sich zunächst in einem sehr fremden Umfeld zu bewegen, dann aber plötzlich in der Lage zu sein, Schnittstellen herzustellen und zu entdecken, welche Möglichkeiten doch da sind. Wenn das geschieht, ist das vielleicht noch wichtiger als bei jenen, mit denen man sich sowieso schon gut verstanden hat. Mit meinen Bauherren in Singapur gibt es zum Beispiel in beiden Fällen eine sehr positive Dynamik. Das sind Profis, die in ihrem Kontext hunderte Projekte gemacht haben. Sie sind am Anfang vielleicht etwas verunsichert darüber, dass du die Dinge ganz anders angehst, als sie es gewohnt sind. Aber plötzlich gibt es den Moment, in dem sie neue Möglichkeiten in ihrem eigenen Kontext sehen. Es entwickelt sich eine Synergie, wenn du nicht nur aus deiner eigenen Position heraus denkst, sondern auch versuchst, die des Gegenübers einzunehmen und daraus konstruktive Ansätze zu entwickeln. Der Scotts Tower zum Beispiel ist auf der einen Seite ein architektonischer Entwurf, auf der anderen Seite aber auch ein dreidimensionales Finanzmodell, das über das Verständnis von Wertstaffelung in einem Wohnturm einen bestimmten Entwurf erzeugt. Durch diese Verknüpfung der Zusammenhänge sind wir plötzlich in der Lage, etwas umzusetzen, das sonst nicht umsetzbar wäre. Normalerweise würde ein Projektentwickler den Kosten einer stützenfreien Auskragung der Wohngeschosse nicht zustimmen, aber wenn du beweisen kannst, wie du über die Umschichtung der Geschosshöhen eine Wertsteigerung erzeugst, die sehr viel größer ist als die erhöhten Baukosten, dann wird der Entwurf plötzlich plausibel und die Umsetzung möglich. Genauso gilt das für unseren anderen Bauherrn dort. Wir haben für den großen Wohnungsbau eine Sozialstruktur und ein Gefüge vorgeschlagen, das wir gezielt entgegen dem kommerziellen, isolierten Wohnhochhaus positioniert haben, das heute mehr und mehr die städtische Textur Singapurs bestimmt. Dann folgt ein Moment der Sorge, weil das nicht dem Status Quo, den typischen Erwartungen entspricht und vielleicht grundlegende gesellschaftliche Fragen aufwirft – geht die Zergliederung und Isolation der Individuen innerhalb der Gesellschaft immer weiter, oder gibt es vielleicht Möglichkeiten, oder sogar Notwendigkeiten, zu kommunaleren Alternativen? Und plötzlich entsteht ein großer Enthusiasmus, weil das Projekt ganz etwas Anderes tun kann, als man erwartet hat. So ergeben sich äußerst positive Erfahrungen aus solchen Zusammenarbeiten, in denen die Ausgangspositionen sich zunächst von weit her annähern müssen.

Wie stellst Du jenseits Deiner eigenen Person Kontinuität her, gerade auch im Bezug auf Erfahrungen und Reflektion? Wie werden diese Erfahrungen für OMA im Ganzen fruchtbar gemacht?

Erst einmal bin ich natürlich dabei, eine lokale Kontinuität herzustellen, im Pekinger Büro. Das dauert seine Zeit. Ich habe das jetzt seit dreieinhalb Jahren gemacht, und das war auch der nötige Zeitrahmen, um CCTV bis hierhin zu begleiten und um überhaupt ein Büro in China aufzubauen, was ein gutes Stück komplizierter ist, als das in Europa zu tun. Jenseits der logistischen Schwierigkeiten hat es relativ viel Aufmerksamkeit erfordert, eine ähnliche Form kreativer Basis und kritischer Kultur zu entwickeln. Es war ein wichtiger Schritt, eine Form von Synergie zwischen den Projekten herzustellen und damit ein wirklich produktives Feld zu erzeugen, in dem sich zum Beispiel die Ausführungsphasen von CCTV mit den frühkreativen Phasen anderer Projekte vermischen und diese von einander profitieren. Über das Pekinger Büro hinaus gibt es regelmäßige Partnermeetings von OMA. Meistens komme ich nach Rotterdam, aber ab und zu kommen die anderen Partner auch nach Peking. Wir schauen uns alle Projekte an, diskutieren als eine größere Einheit und haben einen Erfahrungsaustausch, um gemeinsam von der Quantität und Qualität des vorhandenen Wissens zu profitieren.

Du bist als Sohn eines Architekten im Architekturkontext aufgewachsen; eine weitere wichtige Sozialisationsbedingung für Deine Person ist sicherlich die frühe internationale Ausrichtung. Welche Rolle spielen andere, etwa popkulturelle Einflüsse? Eigentlich wollten in unserer Generation ja alle mal Rockstars oder Popstars werden.

Ich habe das ja schon öffentlich zugegeben…

Daher die Frage – aber ernsthaft: Was sind Einflüsse, die Du für Dich in Anspruch nehmen würdest? Fast alle unserer Generation sind in irgendeiner Weise popkulturell sozialisiert und bei vielen hat das großen Einfluss auf das eigene Tun. Das schließt oft einen Bezug zu Interdisziplinarität und internationale Erfahrungen ein. Welche Rolle spielen diese Einflüsse für Dich?

Ich denke in der Tat, dass eine bestimmte Form von Internationalität eine Rolle gespielt hat, mit Sicherheit über die Abwesenheit eines Bewusstseins, das an festgelegte Grenzen gebunden ist. Ich bin in Deutschland geboren, dann in die Schweiz gegangen, dann nach Holland, New York, London, Bangkok, wieder nach Holland, bin viel herumgereist und lebe jetzt in China. Aber bereits als ich noch in Deutschland gelebt habe, zur Kindheit, kamen fast alle meine besten Freunde immer irgendwo her und nur zum geringen Teil aus Deutschland. Das hat für mich von Anfang an eine Position der Offenheit und der Verknüpfung mit anderen Räumen definiert. Ich bin zwar damals schon viel gereist, hatte aber auf der anderen Seite eine relativ stabile und langweilige Jugend in Karlsruhe. Je mehr du von der Welt siehst, umso klarer wird dir die Limitation bestimmter Zusammenhänge. Irgendwann gab es dann durchaus ein Gefühl einer bestimmten Befreiung; mir wurde klar, dass ich eine Art freiwilliges Exil gesucht habe, in dem ich mich, in der Distanz zu all meinen kulturellen Festlegungen und Verbindungen, erst einmal sehr viel wohler gefühlt habe. Es gab mir die Möglichkeit, diese Verbindungen komplett neu zu definieren, sie als bewussten Akt und nicht als eine Gegebenheit zu leben. Das hat vielleicht auch bedeutet, eine Form der Sozialität, aber auch des Nicht-Sozialen aufzubauen. Mich hat es nie so interessiert, Teil bestimmter Cliquen zu sein, und ich habe mich in diesem Sinne immer ein Stück weit herausgehalten, bis heute. Ich habe meinen Zusammenhang einfach mehr in der Arbeit selbst gesehen. In diesem Sinne glaube ich, dass eine Mischung der partiellen Partizipation an der Popkultur und des gleichzeitigen kompletten Entzugs davon wichtig ist, um ein Vakuum schaffen, das sich diesen Dingen erst einmal entzieht, und einen Raum zu erzeugen, der etwas anderes benötigt als das, was direkt da ist.

Konkrete Einflüsse, etwa im Bereich von Mode oder Kunst, würdest Du nicht nennen?

Das würde wahrscheinlich nur ein Herunterbeten der Standards. Natürlich hat die Kunst eine wichtige Rolle gespielt, auch die Philosophie und die Literatur, aber nie in dem Sinne, dass ich geglaubt hätte, deren Inhalte bildhaft im architektonischen Entwurf repräsentieren zu müssen. Mich hat es interessiert, einen Roman zu lesen und über die Komplexität eines erzählerischen Zusammenhangs etwas zu gewinnen, das dann vielleicht ein strukturelles Verständnis von Architektur als einem vielfältigen narrativen Raum definiert. Das ist für mich nach wie vor ein sehr wichtiger Punkt: Architektur als einen multiplen narrativen Raum zu sehen und sie auch als einen solchen zu entwerfen: als einen Raum der Inhabitation, der Interaktion, der Sozialität. Darüber hinaus habe ich mich auch mit Ausstellungsdesign, Grafikdesign, mit der Frage der Bildproduktion beschäftigt, zum Beispiel als ich in New York mit dem Grafikdesignstudio 2×4 gearbeitet habe. Als ich Mitte der 90er-Jahre nochmals zurück zur Schule, zur AA, gegangen bin, war das für mich auch ein expliziter Rahmen, mit einer Verbindung verschiedenster Ebenen zu experimentieren: temporären Installationen, permanent architektonischem Eingriff, den Mechanismen der Bildkultur, der Identity, des Branding, der Technologie und der Frage, wie sich solche Systeme in einer entwurflichen Gedanken- und Wertewelt bewegen, die sehr weit über die eigentlichen Grenzen der Architektur hinausgeht. Diese Arbeit hat sich dann später bei OMA weiter fortgesetzt. Bei Prada stand ebenfalls eine sehr komplexe Vernetzung von unterschiedlichen Dingen an, von Mode, von Corporate Identity und von Räumen, die an sich als eine spezifische architektonische Intervention stehen, aber gleichzeitig in einem Verhältnis zur Frage nach einem größeren Ganzen dieses Unternehmens gesehen werden müssen.

Also sehr weite Einflüsse, die zu sehr spezifischen Lösungen in Deiner Arbeit zusammengeführt werden?

Ja, ich würde sagen, dass alle Projekte auf die ein oder andere Art extrem spezifisch sind, auch ortsspezifisch. CCTV etwa erzeugt eine Organisationsstruktur eines Gebäudes, die sich auf der einen Seite als Teil eines Werte- oder Kultursystems versteht, aber sich auf der anderen Seite auch gleichzeitig als Rebellion dem Kontext gegenüberstellt. Während Raumanordnungen vielleicht bestimmten chinesischen Strukturen folgen, versucht das Gebäude aber gleichzeitig, bestimmte Hierarchieprinzipien umzudrehen und subversiv zu behandeln. In dieser Balance steckt eine minutiöse Arbeit, und diese auf eine Art auch darzustellen, so dass sie verstanden und entsprechend umgesetzt wird, ist unsere Ambition und Hoffnung. Natürlich hat besonders dieses Projekt auch eine starke Bildhaftigkeit, die sich sowohl in ihrem Wesen in die chinesische Kultur einfügt als sich ihr formal aber auch explizit entzieht. Aber was dieses Projekt eigentlich ausmacht, ist die Verbindung einer Vielzahl anderer Mechanismen, die es letztlich bedeutungsvoll werden lassen.

Das Problem bleibt allerdings, dass diese Verbindung in der weiten Wahrnehmung kaum eine Rolle spielt. In den meisten Veröffentlichungen zu CCTV läuft es doch auf den Charakter als Wahrzeichen hinaus. Momente der Subversion – wenn Du darüber redest, Hierarchien zu relativieren – werden nicht thematisiert. Die Schwierigkeit liegt gerade darin, dass es sozusagen unsichtbare Faktoren sind. Für Dich, für den Entwurf sind sie bedeutsam, aber wenn sie nicht kommuniziert werden, existieren sie zumindest in der Außenwahrnehmung nicht, und darin besteht natürlich eine Gefahr.

Jenseits der Frage der Wahrnehmung werden sie aber natürlich im faktischen Dasein des Gebäudes bestehen. Es wird sicherlich einen Unterschied geben zwischen dem, was bewusst wahrgenommen wird, und dem, was unbewusst vorhanden ist – aber beides wird sich trotzdem als eine eigene Form der Realität manifestieren. Und manchmal ist auch das Unbewusste ein sehr wichtiger Bestandteil der Arbeit. Du kannst Bilder als einen Mechanismus benutzen, um Dinge zu implementieren, die über das Bild selbst hinausgehen, und darum geht es eigentlich.
www.oma.nl

Ole Scheeren, geboren 1971 in Karlsruhe, ist seit 2002 Partner im Office of Metropolitan Architecture (OMA), wo er seit 1995 arbeitet. Er ist Direktor der Büros in Peking und Rotterdam und verantwortlich für OMAs Projekte in Asien. Als Partner-in-Charge leitet er den Entwurf und die Realisierung der ambitioniertesten Aufgabe von OMA bisher, China Central Television Station CCTV und Television Cultural Center TVCC in Peking. Scheeren studierte Architektur in Lausanne, Karlsruhe und an der Architectural Association in London. Vor seinem Eintritt bei OMA arbeitete er für verschiedene deutsche Architekturbüros, kollaborierte mit 2×4, einem Grafikdesign-Büro in New York, und bearbeitete eine Vielfalt an Projekten mit seinem eigenen Büro in England. Zu seinen Tätigkeiten zählen darüber hinaus regelmäßige Vorträge, Publikationen, verschiedene Kunstprojekte und Ausstellungen wie Cities on the Move in London und Bangkok, Media City Seoul, das Rotterdam Film Festival sowie die beiden Ausstellungen zum CCTV, die er für das MoMA in New York und Peking entwickelte.

Source: http://www.build-magazin.com/index.php/interviewpartner2010/items/ole-scheeren.html