Der Zauberlehrling ist nun der Meister

Project Description

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG
Der Zauberlehrling ist nun der Meister

by Dieter Bartetzko, Jul 19, 2011 [View PDF]

Der Zauberlehrling ist nun der Meister
Der deutsche Architekt Ole Scheeren ist berühmt geworden als Partner von Rem Koolhaas. Jetzt aber baut er auf eigene Rechnung – vor allem in Asien, und mit gesellschaftlichspolitischem Anspruch.

Von Dieter Bartetzko

Man geht ihm unweigerlich auf den Leim, diesem Ole Scheeren. Das beginnt schon, ehe er ein Wort gesagt hat. Zum Beispiel in der DekaBank, die den Architekten für einen Vortrag gewonnen und uns ein Gespräch vermittelt hat, das kurz vor seinem Rückflug nach Peking stattfinden soll. Warten also in der kalten Foyereleganz. Durch Panoramascheiben sieht man Frankfurts bankenreichste und attraktionsärmste City-Achse, die Mainzer Landstraße. Kaum zu glauben, dass hier über den Internationalen Hochhauspreis entschieden wird, den DekaBank und Stadt Frankfurt gemeinsam vergeben.

Was Scheeren, der wegen seiner Wolkenkratzer in Peking, Singapur und Bangkok „Herr der Türme“ heißt, wohl zum „Trianon“ sagt, dem Dreiecksturm der Bank, den seit 1993 eine auf die Spitze gestellte dreiseitige Pyramide krönt? Vorläufig noch gar nichts, denn er scheint sich zu verspäten. Die Drehtür hat schon Dutzende Menschen in Nadelstreifen und Edelknitterleinen mit Kroko- oder Manufactum-Aktenköfferchen befördert, manchmal auch junge Kostüm-Frauen, von denen nie zu sagen ist, ob sie in Aufsichtsräten oder Vorzimmern sitzen. Dann bugsiert eine schlanke schwarzgekleidete Gestalt zwei Rollkoffer durch den Eingang. Ein schmales Florenz-Renaissance-Gesicht, blass, Dreitagebart, dunkle, in die Stirn fallende Strähnen, die Kleidung so dezent saloppe Eleganz, dass nicht zu entscheiden ist, ob sie aus einer Londoner Boutique oder einem Tchibo-Shop stammt.

Frankfurt – nicht substanziell vom Hochhaus geprägt

Ein Jungbörsianer vor dem Ausstieg? Ein unbekannter Schauspieler? Ein Prada-Model, dem ein Visagist für eine extravagante Mainhattan-Fotostrecke noch Bänker-Härte aufmalen wird? Der suchende Blick macht klar: Das dürfte Ole Scheeren sein, die, wie es gestern Abend hieß, jüngere, aber ebenso ernsthafte Ausgabe des Stararchitekten Rem Koolhaas, der ihm 1999 die Prada-Filialen in New York und Los Angeles anvertraute, das Los Angeles County Museum of Art, das Leeum Cultural Center in Seoul und dann alle Teile Asiens, in denen O.M.A., Koolhaas’ Großbüro, tätig war.

Zehn Minuten später zählt nicht mehr der Schein, sondern das Wort: Scheeren, konzentriert, aufmerksam zuhörend und präzise formulierend (sein Deutsch hat nichts zu tun mit den vorgestanzten Formeln von Global Players und noch weniger mit dem Denglish-Kauderwelsch sich international gebärdender deutscher Architekten), versucht, Frankfurts Skyline – auf die Trianon-Frage haben wir höflichkeitshalber verzichtet – gerecht zu werden. Der „David unter den Metropolen“ habe „vielleicht ein paar Hochhäuser mehr als andere europäische Städte, weckt aber nicht das Gefühl, substanziell vom Hochhaus geprägt zu sein“.

In China ist die Atmosphäre offener geworden, sagt der Architekt

In Asien dagegen, fährt Scheeren fort, würden Hochhäuser „nicht als ein Fremdkörper verstanden, sondern als sicht- und greifbare Realität der Modernisierung, Symbol des Fortschritts und gestiegener Lebensqualität. In Europa war es ja lange Zeit so, dass man in Hochhäusern nicht gern gewohnt hat, dass man sie dem gescheiterten Modernismus zugesprochen hat. In Asien befinden sich in ihnen die exklusivsten und teuersten Wohnungen.“

Nun wittern wir die Chance, Scheeren nach seinem Gewissen zu fragen. Schließlich arbeitet er vorrangig in China, einem Land, das zwar gierig sämtliche technologischen und gestalterischen Ideen des Westens aufsaugt, kaum aber die von Demokratie, Menschenrechten oder Umweltschutz. Er, den man deshalb schon einen Kollaborateur nannte, bleibt entwaffnend gelassen: „Ich bin sicher, dass selbst im Zeitalter des Internets und der Blogs alle noch gar nichts über China wissen, obwohl jede zweite Schlagzeile mit China beginnt.“

Die Zwangsumsiedlungen zugunsten neuer gigantischer Bauprojekte, von denen hierzulande so oft die Rede ist, könne „man natürlich nicht als Randerscheinungen abtun. Da haben sich äußerst viele komplizierte Situationen ergeben. Aber China hat ein neues Gesetz verabschiedet, das den Schutz des Privatbesitzes umdefiniert und Bewohnern sehr viel weitere Rechte einräumt.“ Überhaupt sei, vom Westen kaum bemerkt, in China die Atmosphäre offener geworden. Man diskutiere gesellschaftliche Probleme und rede, sobald man untereinander ist, ganz anders, als chinesische Propaganda es weismachen und der skeptische Westen es glauben will. „Es gibt eine zunehmende Offenheit, die eigene Situation in Frage zu stellen und sich auch mit westlichen Ideen und Idealen auseinanderzusetzen.“

Den Massenbau will er nicht verdammen

Und der Massenbau in China? Die endlosen Kolonnen gigantischer Container? Die grotesken Riesentürme in den Millionenstädten? Scheeren, der einem so intensiv zuhört und einen derart aufmerksam anschaut, dass man sich vorkommt wie ein Inquisitor (und er uns wie ein arg- und wehrloser Träumer), startet in aller Höflichkeit einen Gegenangriff. Die hiesige Architektur erscheine ihm kulissenartig, worin sich eine „schockierende Leere der Inhalte und die Abwesenheit von Idealen, fehlende Bereitschaft zu Veränderung“ ausdrücke.

Ganz anders in Asien, betont Scheeren, obwohl sein Ton sachlich, fast zögernd bleibt. In Peking sei sein rasant verdrehter (inzwischen, wie wir ergänzen dürfen, weltbekannter) zyklopischer Bügel, die Zentrale des China Central Television (CCTV), nicht trotz, sondern wegen der symbolhaft überhöhten technoiden Gestalt so begeistert aufgenommen worden. Ebenso sein Luxusappartement-Turm „The Scotts Tower“ in Singapur oder, in derselben Stadt, „The Interlace“, ein kubistisches Ensemble aus 32 horizontal übereinander geschichteten Apartmentblöcken für Bewohner mit niedrigem Einkommen. Selbst den Massenbau will er nicht verdammen: „Die Geschwindigkeit, mit der die Wohntürme entstehen, ist etwas sehr viel Intensiveres als hier in Europa. Darunter leidet vielleicht die ästhetische Qualität. Aber was mich immer wieder fasziniert, ist, dass Stadt etwas Stärkeres ist und manchmal sogar die Ansammlung uninteressanter Architekturen trotzdem eine ungeheuer interessante Stadt bildet.“

Reale Zwangsumsiedlungen

Auf das kulissenhafte Bauen war Scheeren zu sprechen gekommen, weil wir über Filme geredet haben. Über Fritz Langs „Metropolis“ mit seinen futuristischen und doch geschichtsträchtigen Wolkenkratzern, über die Filmbauten in Peter Jacksons „Herr der Ringe“-Zyklus, wo sentimentale Nostalgie statt technikbegeisterter Euphorie die Türme baut, und über Ridley Scotts „Blade Runner“, von dessen apokalyptisch verrotteten Türmen Scheeren kategorisch verneint, dass sie etwas mit seinen scharfkantigen Architekturen zu tun hätten.

In James Camerons „Avatar“ ist eine Parallele erkennbar zwischen dem brennend fallenden, ein ganzes Volk beherbergenden Riesenbaum des Films und den stürzenden Zwillingstürmen des World Trade Center. Doch der Hinweis, dass sich das Publikum in den chinesischen Kinos bei der fiktiven gewalttätigen Vertreibung der Ureinwohner des Planeten Pandora an die realen Zwangsumsiedlungen im eigenen Land erinnert fühlte, provoziert ihn zu einem überraschenden Gegenbild: 2002 wurde O.M.A. zu zwei Wettbewerben eingeladen: Der eine betraf die Zentrale von CCTV, der andere den Wiederaufbau des World Trade Center.

“Mich interessiert Architektur als gesellschaftliche Aufgabe“

In Peking, sagt Scheeren, ging es trotz aller problematischen Vorgeschichten und Bedingungen um „die Ambition, sich zu verändern und Fortschritte zu versuchen“. In New York dagegen hatte, „wenn man genau hinschaut“, der Wiederaufbau „auch etwas mit der aggressiven Erhaltung alter Weltstrukturen zu tun.“Während der Architekt einige Momente schweigt – diese um den Redefluss unbesorgte Ruhe verbucht man automatisch unter asiatischer Gelassenheit -, fällt einem ein, wie er anfangs zum CCTV erklärt hatte, in dem Koloss stecke „ein Stück Hoffnung und Enthusiasmus, und auch der Wunsch, als Architekt einen Beitrag für ein besseres, freieres Leben zu leisten.“ Pekings Riese steht schon drei Jahre, in New York wird noch immer um jedes Stockwerk des Neubaus gefeilscht. Meint Scheeren das, wenn er vom Unterschied zwischen „Chinas ganz anderer Psychologie des Bauens“, seinem „Glauben an die Zukunft“ spricht, dem im Westen eine „Kultur der Zögerlichkeit“ entgegenstehe?

Die Frage nach dem 2009 entworfenen, dreihundert Meter hohen „MahaNakhon Tower“ in Bangkok, der mit seiner partiell zersplitterten Kubatur (Scheeren nennt sie: „architektonische Pixel“) wie ein im Sturz erstarrter Turm des World Trade Center anmutet, bleibt ungestellt. Denn gerade hat der Architekt erklärt, er habe sich „intuitiv vom klassisch Künstlerischen ferngehalten“, jede Art von architecture parlante sei ihm fremd: „Mich interessiert Architektur als gesellschaftliche und nicht als rein persönliche künstlerische Aufgabe.“

Wie löst man sich vom Hohepriester der Weltarchitektur?

Je länger man nachdenkt, desto stärker wird das Gefühl, ihm gegenüberzusitzen wie vor siebenhundert Jahren die staunenden Venezianer vor Marco Polo, als der aus China zurückgekehrt war und von der „Verbotenen Stadt“ erzählte. Jetzt schaut dieser neue Marco Polo auf die Uhr, muss zum Flughafen und betont abschließend, Asien und Europa kämen einander immer näher: „Die Dynamik dort wird großen Einfluss nehmen auf den Rest der Welt. Ich glaube, das hat schon begonnen. Heute morgen im Hotel waren siebzig Prozent aller Frühstückenden Chinesen – das nur als Nebensatz.“Das sagt er so tastend, als wolle er sich für eine Frechheit entschuldigen. Eben noch hatte man den Wunsch, ihm seine Formulierungen über Ground Zero als Symbol westlichen Starrsinns und pietätloser Schacherei in den Mund zurückzustopfen – nun ist man wieder sprachlos und erneut überzeugt.

Mit einem anderen verblüffenden Nebensatz hatte er in der DekaBank das Gespräch eröffnet: Er sei nach fünfzehn Jahren gemeinsamer Tätigkeit auf eigenen Wunsch bei O.M.A. ausgeschieden. Wie löst man sich vom Hohepriester der Weltarchitektur? Welches Risiko bedeutet das für jemandem, der immer in einem Atemzug mit O.M.A. genannt wurde? Darauf soll er dann bei einem zweiten Frankfurter Treffen antworten. Zur Vorbereitung hat man sich im Internet noch einmal seine Megatürme angeschaut, neue Projekte, und Fotos, die ihn und seine Lebensgefährtin, die chinesische Schauspielerin Maggie Cheung, als ein Paar zeigen, das David und Victoria Beckham mühelos an die Wand spielt.

“Es kam zu Nervenzusammenbrüchen“

Aus nicht wenigen dieser Bildstrecken weht ein ziemlich kräftiger Hauch von globalem Jet Set. Wieder aber überrumpelt uns das Original, das so gar nichts damit zu tun haben scheint: Scheeren schaut sich unbefangen im winzigen italienischen Restaurant um, sympathisiert mit der Nullachtfünfzehn-Ausstattung. Der Inhaber, der sein eigener Koch, Oberkellner und Lieferant ist, erkennt einen Geistesverwandten: Der Kalabrese hat als junger Mann die Küsten Italiens von Reggio di Calabria bis Genua erwandert. Wenn er irgendwann das Lokal aufgibt, hat er dasselbe von Lecce bis Venedig vor und hört deshalb begeistert mit, als Scheeren von seinen Aufenthalten in London, New York und Bangkok erzählt.

Und von Peking: „Ich wollte einfach ein Land erkunden, und vielleicht eine Geschichte, die Geschichte des Kommunismus.“ So beschreibt er seinen Aufbruch als einundzwanzigjähriger Rucksacktourist, der 1992 die Seminarscheine der TU Karlsruhe, der Ecole Polytechnique Lausanne und der Londoner Architectural Association School zu Hause ließ. „Als Ausländer hat man in China immer nur die Ausländerwährung bekommen. Ich habe sie auf der Straße in lokales Geld umgetauscht und bin einfach ins Land hinein. Manchmal wusste ich überhaupt nicht, wo ich war, wie ich wieder rauskommen sollte oder wo es hinging. Ich lebte zwischen einem ungeheuren Schock und Aufwachen. Es kam zu Nervenzusammenbrüchen. Wenn du zweieinhalb Tage für ein Zugticket in der Schlange stehst, mit deinem Rucksack in Umklammerung auf dem Boden schläfst – das war reine Verzweiflung. Irgendwann hat sie sich in eine Form von Zugehörigkeit verwandelt. Das war eine Reise, die sehr mit mir aufgeräumt hat, die das ganze Rahmenwerk meiner Erziehung tief erschüttert hat.“

Die Stadt selbst soll in den Turm

Ist das der Schlüssel zur unfasslichen Produktivität Scheerens? Hat er in einem strengen Elternhaus gelebt? Nein, er wurde „eher antiautoritär“ erzogen. Der Mann, daran wird es liegen, hat schlicht und einfach einen eigenen Kopf hinter all seiner Höflichkeit und Sanftheit. Sein Büro zählt mittlerweile fast vierzig Angestellte. Trotzdem fragt man sich, wie er es schafft, jetzt einen 268 Meter hohen Giganten neben das weltberühmte Zwillingspaar der Petronas Towers in Kuala Lumpur zu setzen.

Stil? Ästhetik? Gewohnt diskret gibt Scheeren zu verstehen, dass er das Kokettieren mit Pagoden und Bambusbündeln, wie es die weltbekannten Petronas-Zwillingstürme zeigen, für antiquiert hält. Sein Neubau, der selbst Malaysias Premierminister begeistert, soll vor allem eine „Alternative zur puren Demonstration von Macht“ sein. „Sozialraum“ will er, die Stadt selbst soll in den Turm mit seiner Mischnutzung aus Hotel, Büros und Wohnungen. Offene Zonen sind das Wichtigste, ein riesiger Markt mit Restaurants mitten im Turm, muslimische Gebetsräume neben Vorstandssuiten.

Wo aber verläuft die Bruchlinie zwischen dem turmbesessenen O.M.A.-Mitglied und dem selbständigen Architekten Scheeren? Sie beginnt bei einem kleinen Atelier für einen chinesischen Maler. Die Herausforderung, ihm einen „individuellen zeitgemäßen Arbeitsraum zu schaffen, der mit den historischen Bauten und der Landschaft seines chinesischen Gartens eine spannungsvolle Symbiose bildet“, sei die gleiche wie beim Hochhausbau. Er wird sie weitertragen, wenn die Pläne für ein Kunstzentrum in Peking und ein Museum für die Universität einer anderen chinesischen Millionenstadt realisiert werden sollten.

Begierde, Sucht, Leidenschaft

Würde er jetzt, da er tun und lassen kann, was er will, auch in seiner Heimatstadt Karlsruhe bauen? „Nachdem ich einmal gegangen war, wurde mir plötzlich klar, dass ich nicht mehr zurückgehen konnte.“ Doch inzwischen ist Scheeren nicht mehr überzeugt davon, dass Deutschland und Europa zu verkrustet für neue Wege seien. Allmählich wird der Gedanke, auch hier zu bauen und seine Asien-Erfahrung hierherzutragen, reizvoll.

Draußen strahlt als Verkehrsinsel zwischen tristen Wohnblocks ein Uhrtürmchen, 1894 aufgestellt. Das Gebilde ist einer der wenigen historischen Reste, die sich in Frankfurt über den Bombenkrieg und den rabiaten Wiederaufbau gerettet haben. Auch Scheeren ist verzaubert und bedauert den Modernisierungsfuror der Nachkriegszeit. Zuweilen versuche er, auf Bauherren einzuwirken, den historischen Bestand zu schonen. Aber hellwach wirkt er erst wieder, als er vom Neuen spricht. Zu bauen, das wolle er auch seinen Schülern an der Hongkong University vermitteln, sei eine Sache „des Wunschs, des Verlangens“. Er gebraucht mehrmals das englische Wort desire. Es bedeutet auch Begierde, Sucht, Leidenschaft. Der ruhige, nachdenkliche Ole Scheeren ist ein leidenschaftlicher Architekt. Als er geht, bleibt er kurz vor dem Uhrtürmchen stehen. Er trägt keinen Rucksack mehr. Aber auch keinen Aktenkoffer.

Source: http://www.faz.net/artikel/C31443/neue-architektur-der-zauberlehrling-ist-nun-der-meister-30465160.html