Delirious Beijing setzt den ganz großen Maßstab

Project Description

HAUSER MAGAZIN
Delirious Beijing setzt den ganz großen Maßstab

by Alexander Hosch, May, 2010 [View PDF]

Der deutsche Architekt Ole Scheeren schuf zu-sammen mit Rem Koolhaas in Asien spektakuläre Renommierprojekte. Jetzt macht sich der ge-bürtige Karlsruher in Peking selbständig – und will fernöstliche Bau-Effizienz nach Europa bringen.

DIE ZUKUNFT FING VOR GENAU SECHS MONATEN AN. Damals gaben Rem Koolhaas und Ole Scheeren, sein langjähriger Partner für das Asien-Geschäft, die Trennung Scheerens von der Rotterdamer Architekturfirma Office for Metropolitan Architecture (OMA) bekannt. Ein Paukenschlag: Wer hätte gedacht, dass der deutsche Nachwuchsarchitekt und sein berühmter Mentor getrennte Wege gehen, noch ehe ihr gemeinsames Opus magnum, die weltbewegende Pekinger Baustelle für Chinas Staatsfernsehen CCTV, im Rampenlicht seiner Eröffnung steht?
„Ich sagte mir: Wenn nicht jetzt, dann nie“, meint Scheeren dazu in einer Sushi-Bar des Frankfurter Flughafens. Der 39-Jährige wartet auf den Rückflug nach Peking, wo er seit 2005 lebt. Die Stadt ist ihm zur zweiten Heimat geworden. „Es ist an der Zeit, den nächsten Schritt zu tun.“ War es einfach die normale Verabschiedung eines weiteren Talents aus „The Koolhaas School of Cool“ („Wallpaper“)? Schon möglich. Zaha Hadid fing dort einst an, auch Winy Maas. Zuletzt wechselte der US-Statthalter Joshua Prince-Ramus 2009 ins eigene Office REX.

Und doch mag Scheeren, der fünf Jahre lang die größte OMA-Baustelle aller Zeiten und die anderen Fernost-Projekte anführte, sich auch am plötzlichen Auftauchen eines neuen Asien-Chefs gestört haben. Im Herbst hatte Koolhaas in Hongkong ein zweites China-Büro eröffnet. Daneben dürfte der Brand am kleineren Turm im Schatten von CCTV im Februar 2009 für den daran völlig unschuldigen Scheeren die Weichen neu gestellt haben. Ein Feuerwerk der Fernsehleute hatte TVCC – seine schon fertiggestellte Architektur für ein Luxushotel und ein eater – schwer beschädigt (Wiederaufbau bis 2012).

In Kürze also stellt er ein Pekinger Büro unter eigenem Namen vor. „Es wird kleiner sein als OMA, aber groß genug für den stattlichen Bau-Maßstab, an den ich mich gewöhnt habe“, betont er. Scheeren hat ein weißes iPhone dabei, auf dem er immer neue Projektfotos aufblättert.

WENN MAN HEUTE SCHON etwas über die geheime Zukunft von Ole Scheeren erfahren möchte, muss man nach Schanghai blicken. Dort stellt der gebürtige Karlsruher gerade ein Gebäude für Crystal Media fertig. Zuerst überzeugte er die Bauherren, angesichts ihres sehr kleinen Budgets auf einen großen Neubau lieber zu verzichten. Stattdessen heftete er den fünf Häusern der Agentur einfach ein neues Kopfstück an – „eine Schnittstelle zwischen Medienfirma und Stadt“. Scheeren schlitzte den Block auf und setzte, einem Kreuzpflaster gleich, zwei spektakuläre Betonröhren hinein. Darin führen Treppen zu drei neuen Geschossen mit Technik-Labor, Vortragssaal, Ausstellungsetage. Im Erdgeschoss wendet sich eine Phantasielandschaft, die ein Café mit Terrazzo-Sitzkratern, Lounge, Rezeption und Bibliothek umfasst, gleichermaßen an Mitarbeiter und Publikum. Mit den auf virtuelle Welten 11 spezialisierten Agenturleuten und dem Schweizer Kunstkurator Hans Ulrich Obrist gründet Scheeren überdies eine Non-Profit-Organisation, plant in Schanghai Vorträge, Diskussionen und Installationen. „Es fasziniert mich, in China Öffentlichkeit herzustellen.“

Neben dem Anspruch, über den Tellerrand der Architektur zu blicken, ist der Wunsch, Stile zu vermeiden, das zweite Erkennungszeichen des neuen Ole Scheeren. Bloß keine Künsteleien oder Festlegungen! Mehr Offenheit! Wird Scheeren nach Details gefragt, wehrt er lieber ab. Was, die Kugelleuchten des Schanghaier Cafés sollen an Marianne Brandt erinnern? Die Primärfarben ans Bauhaus? „Da haben die Arbeiter vorschnell selbst Farben gewählt – das wird geändert!“, sagt er streng. Dann lächelt er. „Wir alle sind Kinder der Moderne. Aber mit Farben bin ich zögerlich. Ich arbeite lieber mit den Materialtönen.“ Man spürt die Entschlossenheit. Scheeren hat vor Koolhaas bei Luigi Snozzi gelernt, beide Architekten bezeichnet er als Vorbilder – wie auch den Vater, Dieter Scheeren: „Ich bin quasi in der Branche, seit ich als Krabbelkind in seinem Büro die Studentenmodelle zerstörte.“

NACH 15 JAHREN OMA, in denen Scheeren mit den hochgerühmten US-Stores für Prada und den Asien-Projekten zum Stardesigner wurde, geht es nun um Selbstdefinition. „Es ist die Vielschichtigkeit der Dinge, die mich ausdrückt – nicht eine bestimmte Formensprache“, sagt er ernst. Mehr denn nur als Ästhet, und das ist der dritte Punkt, möchte Scheeren als einer wahrgenommen werden, der innovative Strukturen und Inhalte schafft, die in ihrer Komplexität gedacht, gebaut und gelebt werden. „Wenn ich zurückschaue, habe ich immer da, wo ich am meisten baute, auch gelebt. Ich komme nie nur als Besucher auf Baustellen. Ich bin involviert. Das ist ein wichtiger Unterschied.“

Dass gutes Aussehen aber kein Hindernis ist, zeigt das große Wohnbauprojekt Interlace. An Scheerens Stimme ist zu merken, wie sehr ihn dieses Vorhaben in Singapur elektrisiert. Interlace, das er unter dem OMA-Mantel entwarf (und für das OMA und Scheeren künftig wie für andere Baustellen in Peking, Taipeh und Bangkok Urheberrecht und Verantwortung teilen dürften), kommt bald in die Hochbauphase. Scheeren nahm die Ur-Planung für die über tausend Wohnungen („eine Kleinstadt aus zwölf Hochhäusern“) auseinander und schuf daraus ein strukturelles Netz von Superblocks, die über sechseckigen Innenhöfen schweben. In drei Stapelhöhen verbinden sie sich mit großen kommunalen Dachgärten zu einem Mix aus Abstraktion und wu chernder Natur. Le Corbusier in den Tropen? „Nein, diese Dachgärten sind nicht nur skulptural. Das Klima in Singapur macht sie für die Menschen täglich sinnvoll und effizient.“

Überhaupt: Effizienz! Scheeren preist, dass 85 Prozent der Bruttogeschossfläche verkaufbar sind. Wie die anderen Form-Ideen entstand auch Interlace aus den „extremen Zwangs-jacken von Vorschriften und Anforderungen“ heraus, die es aufzubrechen galt. Der Umgang mit der Prozesshaftigkeit in den monumentalen Ordnungsgefügen des Ostens ist seine Spezialität geworden. Gerade diese Erfahrungen will Scheeren exportieren. Was könnte Europa von Asien lernen? Nun, künftige Projekte auf unserem Kontinent, kündigt Scheeren an, werden der Ideologie des isolierten urbanen Turms mit den immer gleichen Grundrissen und Restflächen entgegenwirken.

INTERLACE UND SCOTTS TOWER in Singapur, dazu der in Facet-ten zerfließende Wohnkomplex Mahanakhon in Bangkok – im Grunde sind alle späteren Entwürfe Scheerens für OMA Varianten des Kampfs gegen die hierarchische Vertikale, der vor Jahren mit der gefalteten CCTV-Röhre begann. Nun kommt zur umfänglichen Praxis noch die Theorie. Lehre ist das vierte Glied in Scheerens Masterplan für seine Zukunft.

Seine erste Gastprofessur, an der Hongkong University, widmete er jüngst den großen Unbekannten der Architektur: den Gebäudekernen. Man müsse sie quasi positiv manipulieren, um andere Anordnungen als die üblichen zu ermöglichen – wie bei Interlace oder etwa dem Scotts Tower, dessen Wohntrakte wie versetzte Aufzüge an einem schlanken Korpus hängen. „Das Unsichtbare ist wichtiger als die Form“, sagt Scheeren und klingt fast wie der kleine Prinz der Architektur. „Alles Wesentliche sieht man nicht. Die Essenz ist im Kern angelegt.“ Auch Deutschland hört mit: Seine Thesen hat er am Vorabend an der Düsseldorfer Kunstakademie vorgestellt, erzählt er und entschwindet zum Flugzeug.

So gesehen hat auch der Ausstieg bei OMA eine innere Logik: Der große Turm CCTV, Design, Statik, Funktion und Struktur – sie sind seit langem fertig. Den Reset von TVCC konnte Ole Scheeren, der nächstes Jahr 40 wird, indes nicht mehr abwarten. Die nächste Dekade gehört seinem eigenen Büro.