Bilder und Zeiten

Project Description

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG
Bilder und Zeiten

by Mark Siemons, Jan 6, 2007 [View PDF]

Auf der Baustelle der neuen Welt

Der fünfunddreißigjährige deutsche Architekt Ole Scheeren errichtet für den chinesischen Staatssender CCTV in Peking ein Gebäude, wie man es noch nicht gesehen hat – und löst einen beispiellosen Streit aus: Entsteht hier die Zukunft des Hochhauses oder bloß eine Kulisse für Propaganda? Ein Treffen vor Ort.

Das Gebäude, das gerade in Pekings zentralem Finanzdistrikt entsteht, ist nicht bloß ein weiterer jener megalomanen Bauten, mit denen China pünktlich zu den Olympischen Spielen 2008 Eindruck machen will. Es ist möglicherweise ein Gleichnis für das, was der Welt als ganzer bevorsteht – wobei noch nicht ganz klar ist, ob sich die Welt darüber freuen soll.

Bisher sind bloß die Stümpfe zweier etwas schiefer Türme mit rautenförmigen Verstrebungen zu sehen. Doch als Computersimulation hat der Neubau von Chinas staatlichem Fernsehsender CCTV längst die „ikonographische“ Qualität erlangt, wie sie in der Branche gern beschworen wird: eine Glas-und-Stahl-Konstruktion so ineinander verschachtelt wie die endlosen Schleifen in den Zeichnungen von M. C. Escher, massiv und fragil wirkend zugleich. Die beiden in einem Winkel von sechs Grad einander zugeneigten Türme sind durch einen überhängenden L-förmigen Block, der auf ihnen ruht, miteinander verbunden, und auch auf dem Boden sind sie durch eine L-förmige Struktur zusammengehalten. Es ist ein Bau der Superlative mit seinen 540 000 Quadratmeter Nutzfläche und seinen 234 Meter Höhe, an dem sechzig Architekten und hundertzwanzig Ingenieure gleichzeitig arbeiten: das bislang bei weitem größte Projekt des holländischen Architekturkonzeptionalisten Rem Koolhaas. 2002 hatte sein „Office for Metropolitan Architecture“ (OMA) die Ausschreibung für den CCTV-Neubau gewonnen, und nun realisiert die spektakuläre Idee ein deutscher Architekt: Ole Scheeren, gerade einmal 35 Jahre alt, seit den Anfängen des Projekts ein Partner von Koolhaas.

Wäre der Bau bloß eine Computerstudie geblieben, wie sie jetzt etwa das New Yorker Museum of Modern Art der Fachwelt präsentiert hat, wären seine Ideen fraglos auf den gleichen Enthusiasmus gestoßen wie alle anderen rhetorischen Gesten, Invektiven, Provokationen des Tausendsassas Koolhaas, der Architektur nicht bloß als eine Sache der Technik und Ästhetik versteht, sondern als intellektuellen Diskussionsbeitrag zu sozialen und kulturellen Themen, und dafür von der Branche geliebt wird. Dass der CCTV-Turm, wie es in der OMA-Diktion heißt, der banal gewordenen Vertikalität in deren Streben nach immer größeren Höhen das Modell eines „Loops“ entgegensetzt, einer Schleife allseits miteinander verbundener Strukturen, eines sowohl technisch wie architektonisch, symbolisch und sozial funktionierenden Kreislaufs, der die sonst getrennten Abteilungen zusammenbringt und sie untereinander und für die Öffentlichkeit transparent macht: Wer sollte etwas dagegen haben?

Doch da dies nicht bloß ein Gedanke bleibt, sondern in der Realität finanziert, gebaut und benutzt wird, und zwar in der Realität der Volksrepublik China, hat das noch längst nicht fertige Gebäude eine selten grundsätzliche Diskussion in Gang gebracht, in China und im Westen allerdings aus unterschiedlichen Gründen. Bis 2008 werden auch andere Europäer das Gesicht Pekings spektakulär verändert haben: Die Schweizer Firma Herzog & de Meuron baut das Olympiastadion in Gestalt eines Vogelnests, der Brite Norman Forster eine drachenförmige Flughafenerweiterung, der Franzose Paul Andreu das Nationaltheater (im Volksmund: „Entenei“). Aber kein Projekt steckt in so vielen Fallstricken wie dieser Neubau für den bald größten Fernsehsender der Welt mit dem prekären Namen: „CCTV“ ist auch ein Kürzel für Überwachungskamerasysteme. Hier werden zehntausend Angestellte 250 Kanäle für mehr als eine Milliarde Zuschauer im Lande und ein noch unbestimmt großes internationales Publikum betreiben können. Ein solches Ausmaß an Bewusstseinsindustrie ist schon eine Debatte wert, und nicht bloß eine ästhetische.

Die chinesische Kritik, die in akademischen Kreisen gleich nach der Jury-Entscheidung für Koolhaas laut wurde und bis heute nicht verstummt ist, lässt sich in vier Motiven zusammenfassen: zu unsicher, zu teuer, zu hässlich und dann auch noch von einem Ausländer. Ein Kunsthistoriker zögert nicht, von einer chinesischen „Selbstkolonialisierung“ zu sprechen, die sich das Offensichtliche nicht eingesteht: dass dieses Gebäude wie ein „schiefes Tor“ oder wie die „Latzhose eines kleinen Kindes“ aussieht. Ein Kritiker hatte die Assoziation einer knienden Figur und nahm das als Symbol für die kulturelle Unsicherheit der chinesischen Eliten, die dem westlichen Fortschrittsglauben in seiner um Kontext unbekümmerten Originalitätssucht nichts Eigenes entgegenzusetzen verstünden. Das Projekt sei ein Affront gegen die wirtschaftliche Vernunft, das Naturgesetz der Schwerkraft und die chinesische Kultur. Der Landschaftsarchitekt Yu Kongjian von der Peking-Universität bezeichnet es als Produkt eines verschwenderischen Zeitalters: Nur die Psyche von Neureichen könne erklären, dass für so etwas so viel Geld ausgegeben werde; das gebe es sonst nirgendwo.

Allerdings fehlt es auch nicht an chinesischen Verteidigern des Projekts, vor allem beim Bauherrn CCTV. Sie argumentieren ähnlich wie westliche Kollegen: Vom neuen Raumgefühl ist da die Rede, von der Herausforderung der Phantasie, vom Auf-den-Kopf-Stellen geläufiger Ansichten. Die Kritiker drangen bis zum Ministerpräsidenten vor, doch wirklich gefährlich konnte dem Vorhaben weniger ihr Kulturkonservativismus als das Argument der Statik werden. Würde diese komplizierte, schräge Struktur extremen Belastungen standhalten, wie sie in der Erdbebenzone Peking nicht unwahrscheinlich sind? So kam es, dass die Stabilität des Baus immer neuen Prüfungen mit nicht weniger als drei verschiedenen Computersoftwareprogrammen unterzogen wurde. Schließlich beauftragte die Regierung dreizehn renommierte chinesische Statiker mit einem Gutachten, und im Januar 2004 wurde der Bau offiziell für realisierbar erklärt.

Der westlichen Kritik ging es nicht um Statik oder Schönheit, sondern um Politik. Noch bevor der Wettbewerb entschieden war, fragte der holländische Essayist Ian Buruma, ein alter Weggefährte von Koolhaas, in einer Polemik im „Guardian“, welcher bedeutende europäische Architekt in den siebziger Jahren wohl einen Fernsehsender für General Pinochet gebaut hätte. Für das autoritäre Pekinger System Krankenhäuser und Kindergärten zu entwerfen, könne wohl noch angehen. Aber ausgerechnet dem zentralen Medium der Staatspropaganda eine dekorative Hülle zu verschaffen, sei „kein ehrenwertes Unternehmen“. Koolhaas pflegt etwas halbherzig zu erwidern, er kenne das Land seit vielen Jahren und glaube, dass es eine gute Entwicklung nehme. Aber die von Buruma und anderen aufgeworfene Prinzipienfrage steht weiter im Raum.

Ungebärdige, sonst nicht um freimütige Stellungnahmen verlegene Geister im Lande selbst teilen sie allerdings nicht ohne weiteres.

Ai Wei Wei, einer der Mitbegründer der chinesischen Avantgardekunst, der auch an Entwürfen des Olympiastadions beteiligt ist, findet weder die inländische noch die ausländische Kritik am CCTV-Bau stichhaltig. Der Polemik der chinesischen Architekten hält er entgegen, dass diese lange genug Zeit gehabt hätten, Konzepte von ähnlicher Qualität zu entwickeln.

Doch sie wären aus ihrer konventionellen Schulästhetik immer noch nicht herausgetreten und führten nach wie vor keine Diskussion über die Kriterien von guter und schlechter Architektur. Und die westliche Kritik sei politisch natürlich korrekt. Aber sie verkenne die reale Widersprüchlichkeit der chinesischen Situation. Ai Wei Wei erinnert an die beiden Schriftzeichen, aus denen sich das chinesische Wort für „Widerspruch“, Mao Dun, zusammensetzt: „Mao“, ein Speer, so scharf, dass kein Schild ihm standhalten kann, und „Dun“, ein Schild, so fest, dass ihn kein Speer durchbohren kann. CCTV sei heute ohne Frage ein Speer der staatlichen Propaganda, doch in seiner gesellschaftlichen Zusammensetzung sei der Sender zugleich ein Schutzschild der Öffentlichkeit mit all den in ihr zur Zeit wirksamen Veränderungstendenzen.

Ein Bewusstsein, das bloß solch eindeutige Alternativen, Positionen und Entscheidungen wie im Westen gewohnt ist, wird sich schwer damit tun, eine derartige Gleichzeitigkeit zu akzeptieren. Es wird entweder nur zur Kenntnis nehmen wollen, dass CCTV noch viel direkter als regionale chinesische Fernsehsender von der staatlichen „Behörde für Radio, Film und Fernsehen“ gesteuert wird, dass bei so wichtigen Sendungen wie der Neujahrsgala sogar das Öffentlichkeits- (früher: Propaganda-) Ministerium selbst an der unmittelbaren Programmgestaltung beteiligt ist und dass der Sender im Lande selbst ein ziemlich rückwärtsgewandtes Image hat.

Oder es wird allein auf die Veränderungen von Inhalt, Stil und unternehmerischer Struktur schauen, die es auch bei diesem Unternehmen in den letzten Jahrzehnten gegeben hat, wird darauf verweisen, dass jenseits der offiziellen Richtlinien heute an wenigen Orten so viel experimentiert wird wie in China, dass die Verantwortlichen schon bei der Ausschreibung des Neubaus ein Fünftel der Fläche als öffentlichen Raum vorgesehen hatten und dass ein zuständiger Projektleiter sogar mit seiner sofortigen Kündigung gedroht haben soll, wenn das Ergebnis des Wettbewerbs revidiert würde. Würde man dagegen beide Wirklichkeiten zugleich anerkennen, müsste man wohl zugeben, dass es durchaus Bewegungen gibt, man aber keineswegs weiß, zu welchem Ziel und Ende sie führen.

Es scheint nun gerade die Vorstellung einer solchen die üblichen Oppositionen und Begriffsscheidungen auflösenden Bewegung zu sein, die Koolhaas und Scheeren fasziniert. „Asiatisch zu werden ist etwas sehr Radikales“, sagte Koolhaas einmal: ein „höchst künstlicher Zustand“ nämlich, den es erst einmal zu verstehen gelte. Das von den Wurzeln des Herkommens befreite Fließende gehört offenbar zur Corporate Identity des „Office for Metropolitan Architecture“. So sehr Ole Scheerens studentischer Jeans-und- Pullover-Habitus täuscht und er gegenüber dem Übervater Koolhaas durchaus eigenes Profil erkennen lässt: In diesem Punkt liegt er ganz auf Linie. Bei seiner jetzigen Arbeit, sagt der Mann, der einmal Rockmusiker werden wollte und nun von seinem Pekinger Büro im 29. Stock aus Hunderte Mitarbeiter in der ganzen Welt dirigiert, könnten ihm das Wissen und die Erfahrung von Älteren nicht helfen. Hier müsse man ganz von vorn anfangen.

Und dann erzählt er davon, wie er vor vierzehn Jahren mit dem Rucksack drei Monate lang durch China gezogen war, ohne Handy manchmal nicht wusste, ob er jemals wieder zurückfinden würde, und sich dabei von der Last seines Herkommens befreit habe. Koolhaas seinerseits spricht gern darüber, wie wichtig es für ihn sei, in Indonesien aufgewachsen zu sein, „weil ich damit nicht so ganz festgelegt bin darüber, wer ich bin, wo ich anfange und wo ich ende.“ Bei anderer Gelegenheit sagte er: „Es steckt eine ungeheure Einengung im Begriff der Identität und eine große Freiheit im Begriff des Generischen.“

Ein unübersehbares architektonisches Sinnbild für eine solche Art Antimetaphysik lässt sich zur Zeit wohl nur in der Volksrepublik China erschaffen: Weil dort der politische Wille und das Geld dafür vorhanden sind und weil die kulturelle Situation wie ein genaues Abbild der intellektuellen Ambition wirkt. Dies – und nicht etwa die Gier nach Geld und Ruhm, wie sie westlichen Architekten, die in China bauen, bisweilen unterstellt wird – scheint der Inhalt dieses faustischen Pakts avancierter Konzeptkünstler mit einem autoritären Staat zu sein. Und so werden das CCTV-Gebäude und dessen Struktur des „Loops“ selbst zum Teil der chinesischen Bewegung: eine Röhre ohne Anfang und ohne Ende, Inbegriff des Generischen, Identitätslosen, Gleitenden. Während der vertikale Wolkenkratzer noch eine eindeutige Richtung und eine Hierarchie hat und mithin als Verkörperung moderner Prinzipien, ob Kommunismus oder kapitalistischer Fortschrittsglaube, taugt, symbolisiert die unendliche Schleife das unterschiedslose Fließen: ob von Menschen- oder Datenströmen, von unterschiedlichen Funktionen, Kulturen oder politischen Positionen. In dem reich illustrierten Buch, das das Projekt in China popularisieren soll, wird als Nutzung des Vorplatzes ein Popfestival gezeigt und auf der nächsten Seite ein Massenaufmarsch uniformierter Schulkinder. Vieles ist möglich.

Die Statik wird da zum kulturellen Gleichnis: Die verschiedenen Teile müssen verschiedene Belastungen aushalten und deshalb durch gezielte Eingriffe künstlich in ein Gleichgewicht gebracht werden. Wenn eine der diagonalen Verstrebungen ausfällt, bricht nicht das Ganze zusammen, sondern die Kräfte werden auf die umliegenden Diagonalen umgeleitet. Alles ist aneinander gelehnt, braucht einander, ist integriert. „Collaboration instead of opposition“ wird auf der offiziellen Website von „OMA“ das Prinzip des Gebäudes genannt. Die Architekten verweisen gern darauf, dass ein solcher Bau vor wenigen Jahren noch gar nicht denkbar gewesen wäre, einfach weil es noch nicht die Computer-Software gab, mit deren Hilfe man sich heute gewissermaßen in das Innere der einzelnen Teile hineinbegeben und so ihre Belastbarkeit berechnen kann. Man hätte zum Beispiel nicht den Moment herausgefunden, an dem die beiden thermisch unterschiedlich belasteten Gebäudehälften einander nahe genug sind, dass sie verbunden werden können: Das ist nämlich nur am frühen Morgen eines ruhigen Tages zwanzig Minuten lang der Fall.

Können aber tatsächlich auch die kulturellen und politischen Teile zueinander kommen, wenn man nur tief genug in ihr Inneres eindringt? Entsteht aus den chinesischen Paradoxa etwas Neues, wovon sich ein bloß in eindeutigen Gegensätzen bewegendes Denken nichts träumen lässt? Oder ist das Augenwischerei, und die große Schleife verkleidet nur allzu lineare, altbekannte Machtverhältnisse? So oder so wird der CCTV-Turm ein Symbol auch für neue globale Ordnungen sein; spätestens 2008 wird sich die ganze Welt mit dem Hauptübertragenden der Olympischen Spiele arrangieren. Wofür der CCTV-Turm am Ende stehen wird, hängt nicht zuletzt davon ab, wohin sich China entwickelt.

Source: http://fazarchiv.faz.net/webcgi?START=A20&DOKM=1209434_FAZ_0&WID=32223-8140731-30209_1